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Mund-zu-Mund-Propaganda

16. August, 2007 von Tino Krener

… oder warum wird klassische Werbung immer ineffektiver. Dies ist der erste Teil einer Ausarbeitung über alternative Werbeformen, die effektiver und meist sogar preisgünstiger sind, als klassische Werbung (Plakate, Werbespots, Printanzeigen, …). Mund-zu-Mund-Propaganda ist die Grundlage für Virales Marketing.

Mundpropaganda ist gezielt. Wohingegen man im Fernsehen als Mann, schon mal einer O.B.-Werbung ausgesetzt wird, werden Freunde und Bekannten sich nur von Dingen erzählen, bei denen sie glauben, dass diese den jeweils anderen auch interessieren. Action Fans werden sich über „Stirb Langsam 4.0“ austauschen und als Trickfilmfan wird einem schon mal vom „Simpsons“-Film erzählt. Zudem schafft Mundpropaganda ein sehr glaubwürdiges Umfeld. Wenn ein unabhängiger Privatmensch einen Film weiter empfiehlt, sind meist keine finanziellen Interessen damit verbunden. Kennen wir die Vorlieben und Meinungen des Gegenübers schon länger, können wir die Gefahr reduzieren, für einen Film Geld auszugeben, den wir nie schauen würden. Ein sehr professionell gemachter Trailer kann dagegen schnell in die Irre führen.

Memetik: Der Ursprung von Mund-zu-Mundpropaganda

Analog zu Darwins Theorie über die Gene schuf Richard Dawkins 1976 den Begriff der „Meme“. Ein Mem bezeichnet eine Idee oder einen Gedanken, welches sich im Fühl- und Denkvermögens eines Individuums entwickelt und durch Kommunikation weiterverbreitet wird. Das Mem nährt sich durch die Fähigkeit der Menschen andere Menschen zu imitieren. Verhaltensmuster werden übernommen, Normen weitergeben und religiöse Motive pflanzen sich in den Köpfen fort. Beginnt sich einmal ein Mem von allein zu replizieren, kann es sogar eine Epidemie auslösen, wie dies in den beiden nachfolgenden Beispielen geschah.

Mund-zu-Mund-Propaganda in der Geschichte

Am 18. April 1775 hörte ein Junge in Bosten, wie ein britischer Armeeoffizier zu einem anderen sagte: „Morgen ist die Hölle los.“ Der Junge lief mit dieser Nachricht zu einem Silberschmied namens Paul Revere, welcher der Geschichte mit großer Aufmerksamkeit lauschte. Schon früher an diesem Tag hatte er gehört, dass sich eine hohe Anzahl an britischen Offizieren am Hafen versammelt haben. Er berichtete seinem Freund Joseph Warren von diesem Gerücht. Beide beschlossen die Gemeinden um Bosten zu warnen und sattelten 22 Uhr am selbigen Tag die Pferde. Auf dem Weg nach Lexington verbreiteten sie die Nachricht und forderten die Leute auf, diese weiter zu tragen. Schon bald befand sich die ganze Region in Aufruhr. Die Nachricht pflanzte sich fort wie ein Virus. Als die Briten schließlich am 19. April mit ihrem Marsch auf Lexington starteten, trafen sie in Concord überraschend auf einen harten und gut organisierten Widerstand. Aus diesem Konflikt entstand die Amerikanische Revolution – eine Geschichte, die heute noch jedem Schulkind in Amerika erzählt wird.

Mund-zu-Mund-Propaganda heute im digitalen Zeitalter

Der Blogger Matthias Oborski stellte am 3. März 2006 ein Video auf seine Webseite www.ntropie.com, was er zuvor unbeachtet in einem Forum fand und verpasste ihm den Titel „The next big thing!“ Darin zu sehen sind die drei türkischstämmigen Jugendlichen Ismael (18) und Selcuk (17) alias „Grup Tekkan“ mit ihrem Freund Fatih Hira (17). Im Rahmen eines Rapschool-Jugendprojektes der „Sons of Gastarbeita“ (S.O.G.) nahm die Band das nahezu selbstgeschriebene Lied „Wo bist du, mein Sonnenlich?“ auf – Video inklusive. Nur drei Tage später schnappte dieses Video Johnny Haeusler auf, einer der mit „Spreeblick.com“ zu den erfolgreichsten deutschen Bloggern gehört. Von da an, verbreitete sich das Video in bisher ungeahnter Geschwindigkeit durchs Internet. Es wurde verschickt, heruntergeladen und weitergeleitet. Kaum jemand hatte nicht dieses aharmonisch gesungene, unfreiwillig komische Lied in seinem Mailpostkasten. Die drei Jungs wurden über Nacht zu Stars. Ntropie.com zählte statt üblichen 180 Besuchern pro Tag, am 7.03.2006 plötzlich 10.698 Besucher. Der Blog avancierte hinter dem BildBlog und Spreeblick selbst an dritter Stelle der deutschen Blogcharts. Haeusler muckierte sich zwei Tage später leicht ironisch:

Es ist doch zum Mäusemelken! Da tippt man sich die Finger wund und redet sich den Mund fusselig, polarisiert und debattiert, hört zu und widerspricht und macht und macht und macht … und dann verlinkt man einmal ein lustiges Video und plötzlich sind 30.000 Leute auf der Seite

Es dauerte nicht lang, bis die Print-, Radio- und TV Medien aufmerksam wurden. Die Boulevardzeitschrift „Bunte“ und der Radiosender „Eins Live“ begannen ausführlich über die Band zu berichten. Am 16. März dann der Fernsehauftritt bei der TV-Show „TV Total“ in dem schon die Single zu dem Song vorgestellt wurde. Überwältigt von dem Hype, haben die Jungs bereits 14 Tage nach dem Blogeintrag von Oborski ihre Jobs abgebrochen und einen Vertrag bei dem Musiklabel Fortitudo Music and Services aus Bremerhaven unterschrieben. Seit den vergangenen vier Tagen hatten die Pfälzer nur fünf Stunden Schlaf, wie sie bei Stefan Raab berichteten. Nach den Studioaufnahmen folgten unzählige Interviewtermine und am 24. März erschien schon die Single. Schon zuvor am 17. März kündigte sueddeutsche.de in ihrem Artikel „Aus Mist mach Gold“ an: „Nach Veröffentlichung des Albums werden sie – ebenfalls in Rekordzeit – verschwinden.“ Doch soweit kam es nicht mehr. Auf ihrer Webseite http://www.grup-tekkan.com wird noch ein Jahr später in einer News vom Sommer 2006 die zweite Single angekündigt, die es wohl nie geben wird. Der rasante Aufstieg war gigantisch. Der Fall kam dann in ähnlicher Geschwindigkeit. Die Melodie war gestohlen und auch schon von dem 15-jährigen Rapper Cris Woz verwendet wurden, dessen Song verblüffend ähnlich klingt. Nichtsdestotrotz: Auch hier hat Mund-zu-Mund-Propaganda hervoragend funktioniert. Das Originalvideo wurde bei YouTube ca. 8,6 Millionen mal angeschaut und eine andere Kopie eine weitere Millionen mal. Zusammen mit den Versionen auf MyVideo.de und anderen Videoplattformen zählt der Song ca. 10 Millionen Abrufe. Die Single kletterte bis auf Platz 12 der deutschen Media Control Charts und auch Jamba verdiente mit ihren Klingeltönen am kurzzeitigen Hype mit.

Das Video: Grup Tekkan – Wo bist du, mein Sonnenlicht?

Mundpropaganda wirkt!

Diese gezielt zu nutzen, ist eine Disziplin des Marketings, genannt „Virales Marketing“ und bietet durch die Techniken des Internets neue Möglichkeiten … dazu später mehr.

Kategorie : Web 2.Q

Kommentare

1

die frage hierbei stellt sich aber trotzdem: es ist mehr oder weniger durch ZUFALL ein hit geworden. die richtigen leute haben es im richtigen moment weitergegeben.

nun also die frage =) –> wie schafft man sowas gezielt? ohne dass es wieder mit „boah nee schon wieder virale scheiße“ abgestempelt wird…???

2

die lantzschi kommentiert hier in Rekordzeit (ich hab den Einstieg in den Artikel jetzt noch mal geändert)

Genau, Tekkan ist kein Beispiel für virales Marketing, da es ein Zufall war.

Eine gute Seite für virale Videoclips ist übrigens http://www.illegaladvertising.com

Ich hoffe mal, mich packt die Lust, demnächst auch einen Artikel über die Grundlagen des Viral Marketings zu schreiben …

3

ich glaube man kann Content schaffen, der das Potential hat, aber man hat keine Macht darüber, dass es ein Erfolg wird. Es ist ja wohl nicht ohne Grund eine Art Königsdisziplin.

4

das sehe ich allerdings auch!
sicherlich ist virales marketing ne super werbemöglichkeit und persönliche und direkte weitergabe von ideen und produkten sicherlich erfolgreicher, von der quote her, als die ganze streuwerbung z.b. in massenmedien.

problem der steuerung ist, dass man neben einer guten idee/produkt (natürlich;-) ) schon eine community braucht, die es mit verbreitet.

aber um es gezielt zu verbreiten setzt es natürlich auch nen großes interesse eben dieser voraus…

sehr komplizierte kist, aber deshalb auch ziemlich interessant, wie ich finde

5

ehm, kleine Anmerkung vom Autor selbst zur Überschrift.

Zitat von Bastian Sick:

Es gibt Mund-zu-Mund-Beatmung und Mundpropaganda, aber keine Mund-zu-Mund-Propaganda. Das wäre auch keine sinnvolle Form der Kommunikation. Mehr Erfolg verspricht es, seinem Gegenüber ins Ohr statt in den Mund zu sprechen.Es gibt Mund-zu-Mund-Beatmung und Mundpropaganda, aber keine Mund-zu-Mund-Propaganda. Das wäre auch keine sinnvolle Form der Kommunikation. Mehr Erfolg verspricht es, seinem Gegenüber ins Ohr statt in den Mund zu sprechen.

http://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisch/0,1518,314590,00.html

Dann lasst uns den gewählten Titel aus suchmaschinentechnischen Gründen akzeptieren (erste treffer seite)

6

V.a. wichtig, dass es mehr positive als negative Mundpropaganda zu geben scheint:

Lass Deine Meinung da: