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Mama, Papa und RTL – edutain me!

20. Februar, 2007 von Conny Espenhahn
Teenager außer Kontrolle - neue TV-Doku
Teenager außer Kontrolle – neue TV-Doku

Eines der neuen Lieblings-Schlagworte der Medienindustrie ist Edutainment, sprich die Verknüpfung aus Unterhaltung und Wissensvermittlung. Vor allem Fernsehsender sehen sich immer stärker in der Rolle des Ratgebers in zwischenmenschlichen und alltäglichen Fragen. Dabei sind wir jedoch lang über reine Lern- und Erklärungsformate, wie die Sendung mit der Maus oder Sesamstraße, hinaus. Der letzte Wortteil von Edutainment muss gerade für die erwachsene Zielgruppe mit immer mehr Emotionen und Spannung aufbereitet werden.


Erziehung durch Tante, Onkel und TV

Eine dazu passende, ehemalige Formatlücke hält seit mehreren Monaten RTL besetzt. Holger Andersen, Programmbereichsleiter des TV-Senders, sagte kürzlich: „Wir haben erkannt, dass Erziehung in Deutschland ein großes Thema ist“. Groß wohl nicht nur im Sinne der Relevanz, sondern auch der Quotenträchtigkeit. Der kölner Sender strahlt am 21. Februar dieses Jahres die erste Folge der Doku-Soap „Teenager außer Kontrolle – Letzter Ausweg Wilder Westen“ aus, bei der sieben schwer erziehbare Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren für 50 Tage in der Wüste des US-Bundesstaates Utah auf den rechten Weg zurück gebracht werden sollen. Das Format ist eine Adaption des britischen „Brat Camps“, dass in Großbritanien und den USA nicht nur enorm polarisierte, sondern auch Spitzenquoten einfuhr. Damit bleibt der Sender seiner „Elternrolle“ treu, die mit der „Super Nanny“ begann und da bereits knapp fünf Millionen Zuschauer vor die Flimmerkiste zog. Auf dem Platz des Nachfolgeformats „Kindermädchen Katharina Saalfrank“ macht es sich nun die Erlebnispädagogin Annegret Noble für vorerst sieben Episoden gemütlich. Denn sie ist es, die die „außer Kontrolle geratenen“ Teenager zähmen soll. Ziel ist es, den Schützlingen während des Nomadenlebens Selbstwertgefühl, Verantwortungsbewusstsein und Teamgeist beizubringen, alles natürlich unter dem Auge der TV-Kameras. Selbstverständlich gibt es auch Stimmen, die sich kritisch dazu äußern. Sie sprechen von Ausbeutung, Zurschaustellung und der Verletzung von Persönlichkeitsrechten. Bei diesem Aufbegehren sollte allerdings beachtet werden, dass die Teilnehmer freiwillig in dieses Camp gehen und auch eine psychische und physische Vorbereitungsphase durchlaufen. Ein Vergleich mit den amerikanischen Boot-Camps hinkt ebenfalls, da die Verantwortlichen keine Willen brechen, sondern erlebnispädagogische Ansätze nutzen wollen. Hinzu kommen klassischen Gruppen- und Gesprächstherapien.


Leben nach dem „Brad Camp“

Weitere Skepsis verfliegt, wenn man sich den Werdegang der britischen Teilnehmer und ihre Ansichten zum Camp zu Gemüte führt. Alex Parkin, idielle Gewinnerin der ersten Staffel des „Brat Camps“ sagt selbst, dass sie sich seit der Show von Fremden und Bekannten mehr respektiert fühlt, neue Hobbys gewonnen hat und aus eigenem Antrieb eine solche Wandlung nie hätte durchlaufen können. (zum gesamten Interview) Des Weiteren ist bemerkenswert, dass sie inzwischen einen festen Job hat und sich auch der Umgang innerhalb der eigenen Familie deutlich verbessert hat.
Sämtliche andere Bedenken bezüglich etwaiger Zurschaustellung schiebt sie beiseite. Denn obwohl sie nach eigenen Aussagen bei einigen Szenen peinlich berührt oder beschämt war, schätzt sie doch alles, was ihr das Camp gebracht hat. Unter anderem auch und die Betreuer, die das Herz immer auf dem richitgen Fleck gehabt hätten. Diese sind in der nunmehr dritten Staffel des Brat Camps ebenfalls wieder Pädagogen der Jugendhilforganisation RedCliff Ascent. Sie beziffern ihre Maßnahmen mit einer Erfolgsquote von 85 Prozent. Eine Anmeldung ist in Großbritannien einfach über eine Telefonnummer möglich.


Edutainment als Quotengarant

Was wiederum zum Erfolg solcher Edutainment-Programme führt, haben verschieden Wissenschaftler ergründet und daraus verschiedene Theorien abgeleitet. Demnach überzeugen die Medien ihre Rezipienten, andere Verhaltensweisen anzunehmen, da diese ihnen sinnvoller und zweckmäßiger erscheinen. Gerade Edutainment-Formate sind darauf ausgerichtet, den Sinn des Vermittelten an den Konsumenten heranzutragen. Zudem durchdringen bestimmte Muster über kurz oder lang gesamte Gruppen. Die Medien und besonders das Fernsehen können dabei als Indikatoren fungieren. Dabei bedienen sie jedoch gleichzeitig den Aspekt, dass verschiedene Wege aufgezeigt werden und durch die häppchenweise Vermittlung, jeder in seiner Geschwindigkeit lernen kann.


Edutainment als Prestige

Das Annenberg Center for Communication der University of Southern California vergibt inzwischen gemeinsam mit dem National Cancer Institute jedes Jahr den Sentinel Award. Überreicht wird dieser an Programme, die gesundheitliche und medizinische Inhalte wahrheitsgemäß transportieren. Nominiert waren 2006 unter anderem Grey’s Anatomy (thematisierung Organtransplantation und Krebs) oder auch Numb3rs (Sensibilisierung für die Knappheit von Organspendern). Sicherlich wird damit auch gleichzeitig die Verantwortung gewürdigt, die sich die Medien damit auferlegen. Diese ist auch beim deutschen Format nicht zu unterschätzen. Denn die Doku-Reihe steht durch die Offenlegung der Hintergründe der Jugendlichen auch ein Stück weit für den Generationskonflikt im Medienzeitalter.
Wer selbst einmal testen möchte, wieviel Rüpel in ihm steckt, kann dies durch zehn kurze Fragen des Brat-O-Meters.


Literaturempfehlung:

Bildquelle: kopädshop
  • Titel: Neue Medien, Edutainment, Medienkompetenz
  • (Broschiert), 160 Seiten, 14,50 €
  • Herausgeber: Hans-Dieter Erlinger
  • Autoren: Hans Dieter Erlinger, Roland Jost, Helga Jud-Krepper u.a.
  • Verlag: Kopäd
  • ISBN-10: 3929061244, ISBN-13: 978-3929061246
  • potentielle und aktuelle Entwicklungen des Edutainments in den Medien


Weitere Links:

  • http://www.gc-germany.de – Europas führende Messe für interaktive Unterhaltung, Infotainment, Edutainment und Hardware, 22.08.2007 – 26.08.2007, Leipzig
Kategorie : Sonstiges, Web 2.Q

Kommentare

1

Ich hab mir am Mittwoch die Sendung angeschaut. Ich war teilweise wirklich geschockt wie krass Jugendliche heute drauf sind, oder laut RTL sein sollen.
Aber ich muss auch sagen, das RTL die Teilnehmer extrem gut gecastet hat. Jeder der sechs hat andere Probleme, und die auch noch ziemlich heftig (Alkoholikerin mit 17, geschlossene Jugenpsychiatrie mit 15,…).
Isngesamt ist die Sendung sehr spannend gestaltet und ich warte schon auf die nächste Ausgabe. Besonders witzig finde ich die Therapeutin mit der Froschstimme 😉

2

DenQuer Mediennetzwerk…

Ich habe heute ein Blog entdeckt, dass ich für Medienfuzzis wie mich wärmstens empfehlen kann: “DenQuer – Das Mediennetzwerk für kreative Medientalente”. OK, ein bisschen viel “Medien” schon im Titel, aber der Besuch lohnt si…

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