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Die fünfte Gewalt im Staat

25. Februar, 2007 von Martin Grau
Tino Kreßner
Tino Kreßner im Interview

Alle sechs Monate verdoppelt sich, laut Technorati, die Anzahl der Blogs – was kommt, was wird? Tino Kreßner (22), Mitbegründer und verantwortlicher Redakteur von denQuer, äußert sich zu Chancen, Gefahren und der Zukunft, des auch in Deutschland boomenden Bürgerjournalismus im Internet. Tino Kreßner ist erfahrener Webpublizist, studiert an der Hochschule Mittweida Medientechnik mit Spezialisierung auf Print und ist zudem Vorsitzender von Bewegende Bilder e.V., einem Verein zur Förderung des Mediennachwuchses.

Wie würdest du Bürgerjournalismus definieren? Wo fängt Bürgerjournalismus deiner Meinung nach an und wo endet er? Was sind „Bürgerjournalisten“?

Im Bürgerjournalismus sehe ich die fünfte Gewalt im Staat. Der Bürger schaut den Medien auf die Finger. Durch neue technische Entwicklungen im Internet kann Jeder eine eigene Internetseite erstellen und problemlos Informationen online publizieren. Werden die Inhalte chronologisch angezeigt, spricht man von Weblogs, kurz Blogs.

Ohne die Leitmedien würde es aber viele der Blogs im Internet nicht geben. Die meisten Diskussionen handeln über Artikel und Berichte, die im Fernsehen ausgestrahlt oder in Zeitungen und Magazinen abgedruckt wurden. Selbst Blogs, die sich mit Politik oder Wirtschaft beschäftigen, haben viele ihrer Informationen aus den Fachzeitschriften. Der Mehrwert, den der einzelne Bürger mit seinem Blog nun bringt, ist, diese Informationen aus verschiedenen Medien themengerecht zu sammeln, zu vergleichen, noch mal zu hinterfragen und gar Fehler aufzudecken. Somit bekommen die konventionellen Medien ein eigenes Kontrollinstrument zugeteilt. Dies erhöht in meinen Augen den eigenen Qualitätsanspruch. Keine Zeitung möchte nachgesagt bekommen, schlecht recherchiert zu haben. Erst recht nicht, wenn diese Aussage jedem im Internet frei zugänglich ist.

Der Bürgerjournalist hat die Macht über seinen eigenen Content. Er schreibt und veröffentlicht Material, wann und in welchem Zusammenhang er das möchte. Die Auswahl seiner Informationen ist meist subjektiv geprägt und oft stellt er sich keine hohen journalistischen Ansprüche. Auf Vollständigkeit und gut recherchierte Informationen sollte man bei Blogs nicht blind vertrauen. Aber dafür bietet der Blogger teilweise ganz spezifisches Insiderwissen, durch seinem Job oder sein Hobby, und kann so manchem Fachmagazin Paroli bieten.

Durch Seiten wie BildBlog.de oder BlogMedien.de werden im Internet quasi Kontrolleinrichtungen für professionellen Journalismus eingerichtet. Siehst du darin einen Vorteil oder besser gesagt: Wo sind weitere Vorteile und Chancen des Bürgerjournalismus?

Die BILD hat in Deutschland eine meinungsbildende Funktion, trotz vieler sehr verknappten Informationen und populären Darstellungen. Die BildBlog-Macher kaufen sich nun jeden Tag diese Zeitung und recherchieren auffälligen Berichten nach. Sicherlich schaut sich keiner der überzeugten BILD Leser den Blog an und fragt sich, wie er heute wieder „belogen“ wurde. Aber ein Großteil der deutschen Bevölkerung kennen die BILD Methoden und hegen großes Interesse Fehlinformationen der BILD Zeitung aufzudecken und nachzuverfolgen. Und das Blatt bekommt durch den erfolgreichsten Blog Deutschlands zu spüren, dass es keine Narrenfreiheit hat.

Bekommt ein Blog eine hohe Aufmerksamkeit, ist er durchaus in der Lage Einfluss auf die Leitmedien zu nehmen. So hat es zum Beispiel blogMEDIEN geschafft, dass ein irrsinniges Radiogewinnspiel wieder abgeschafft wurde. In Amerika werden Blogs sogar schon in den Fernsehnachrichten zitiert.

Zwangsläufig muss die Qualität der Leitmedien steigen, um als Leser nicht den Schritt zu gehen und zu sagen, dass ich diese Informationen mir nicht mehr für 2,50 EURO kaufen will, sondern bequem in meinen Newsreader kostenlos zugestellt bekomme. Die Blogs und Leitmedien sind somit ein gegenseitiger Antrieb besser zu werden. In der Qualität liegen Zeitschriften wie der SPIEGEL sicherlich noch weit vor jedem Blog, aber in die Geschwindigkeit und dem Umfang der Informationen müssen solche Magazine in Zukunft noch viel Entwicklung stecken, um den Anschluss nicht zu verlieren.

Handyfotos von Dieter Bohlen auf Mallorca werden von Bildlesern eingesendet und bei Veröffentlichung geringfügig vergütet. Aber auch öffentlich-rechtliche Einrichtungen veröffentlichten Zuschauerfotos, wie der MDR beim Kyrill-Sturmchaos. Siehst du darin eine Gefahr für die Qualität des Fotojournalismus?

Immer mehr Bürger nutzen Fotodienste, wie FlickR und veröffentlichen ihre Fotos in Sekundenschnelle. Die gesamte Menschheit ist nun mal einfach in der Lage mehr Fotos von jedem Ort der Welt zu machen, als ein Fotojournalist. Diesen Trend wird man nicht aufhalten können. Die Qualität von Handyfotos- und videos wird immer besser. Aber auch hier müssen wir wieder auf die inhaltliche Qualität bzw. auf die Bildgestaltung schauen. Ich denke für die Tagesberichterstattung sind die „Bürgerfotos“ nutzbar, aber in Magazinen habe ich einen viel höheren Anspruch.
Hobbyfotografen sollten zudem beim Veröffentlichen ihrer Fotos etwas vorsichtig sein, da sie meist nicht die entsprechende Rechtskenntnisse, wie ein professioneller Fotograf haben und schnell vor hohen Schadensersatzklagen stehen könnten.

Wie schätzt du die Bedeutung von Podcasts und vor allem Video-Podcasts ein – Jetzt und in Zukunft?

Solange ich mir meine Podcasts und Videocasts selbst zusammen suchen muss, werden diese wohl ein (berechtigtes) Nischendasein führen. Aber auch hier hab ich wieder das Problem: Über was berichten denn die meisten Podcaster? Sie setzen sich oft mit den aktuellen Geschehnissen in den Medien auseinander, oder öffentlich-rechtliche und private Medienanbieter bereiten ihre Video- und Audioinhalte für den Podcast auf und hoffen auf eine lukrative Zweitverwertung. Einen zweiten Aufschwung der Podcasts werden wir sicherlich mit der Etablierung von Werbeinhalten innerhalb dieser Sendungen erleben und wenn professionelle Anbieter ihre Inhalte in dieser Form veröffentlichen.

Was kann man in Zukunft vom Bürgerjournalismus erwarten?

Die Fülle an Blogs wird immer enormer. Noch vor vier Monaten habe ich maximal zehn Blogs regelmäßig gelesen. Heute habe ich um die 50 Blogs kategorisiert nach Themen abonniert. Der Anspruch an mich, als Informationskonsument wird immer höher und meine Fähigkeiten in der Verwaltung dieser Informationen bedürfen mehr Disziplin. Blogger, die viel „labern“ und keinen wirklichen Wissenswert bieten, fliegen bei mir wieder raus. Informationen aus dem eigenen Leben interessieren mich dann doch mehr von meinen Freunden, und nicht von Menschen, zu denen ich so kein Bezug habe. Aber es ist für mich absolut spannend, wenn ein Blog, zum Beispiel von einem Fachmann für Marketing Informationen und Berichte über das Thema sammelt und mit seinem eigenen Fachwissen bereichert. Dann kann diese Person auch gern, durch Schaltung von Werbeanzeigen für seine Arbeit entlohnt werden.

Das Interview führte Martin Grau.

Kategorie : Sonstiges, Web 2.Q

Kommentare

1

Wie seht ihr den Sinn und den Nutzen von Blogs?
Kommt ihr mit dieser Fülle an Informationen zu recht?

2

Aufgabe der Medien ist es ja Informationen zusammenzutragen und nach Wichtigkeit zu filtern. Durch die Vielzahl an Blogs muss man nun das Filtern wieder selber übernehmen und das erfordert zum Einen eine Menge an Zeit und Interesse sich durchzuwühlen und durchzuklicken und zum Anderen erfordert es das individuelle Engagemnt sich überhaupt ersteinmal den eigenen Medienkonsum zu organisieren.

Blogs sind für mich gut, um Themen im Special-interestbereich nachzulesen. Ich denke um das aktuelle Zeigeschehen zu verfolgen sind die klassischen Medien nach wie vor erste Wahl!

3

DenQuer Mediennetzwerk…

Ich habe heute ein Blog entdeckt, dass ich für Medienfuzzis wie mich wärmstens empfehlen kann: “DenQuer – Das Mediennetzwerk für kreative Medientalente”. OK, ein bisschen viel “Medien” schon im Titel, aber der Besuch lohnt si…

4

Sehr schöner Artikel, jedoch würde ich nicht soweit gehen, den „Bürgerjournalismus“ als fünfte Gewalt zu bezeichnen.
Sowohl die Internetvideoszene als auch die Blogtätigkeiten sind nun mal mit dem großen Makel des Internets konfrontiert: der riesen Flut an Informationen. Blogs les ich mir nur selten durch, und die meisten Videos auf beispielsweise Youtube sind wirklich nur Müll. Letztendlich wird es von vielen nur genutzt, um sich einfach darzustellen ohne wirklich viel Gehalt und Sinn! Da haben es dann die seriösen Blogger extrem schwer, sich durchzusetzen. Das gleiche trifft auch auf die zahllosen Photos zu. Sehen zwar alle toll aus, aber wie oft soll man Sonnenuntergang xyz denn noch sehen? Das ganze versinkt einfach in der Bedeutungslosigkeit! Bild druckt ja schließlich die Ausgaben auch weiter und letztendlich kümmert es die Zielgruppe auch nicht, ob der Artikel „Fisch von Frosch vergewaltigt“ nun dem Traum eines Redakteurs entsprungen ist oder nicht. Ich denk da auch an die Aktion von DeviantArt: eine Statistik zum Thema Verwendung der US-Steuern für Kriegstreibereien. Das Interesse war und ist groß, aber das Potenzial reicht nicht aus, um etwas zu bewirken.

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Naja gut, ganz so wie erik seh ich das jetzt nicht, das da überhaupt kein einfluss da ist. Allerdings muss ich Tino auch wiedersprechen, den die fünfte Gewalt im Staat sind Blogs auf keinen Fall!
Die jenigen welche die Macht haben Dinge zu beeinflussen aggieren ja nur zum Teil überhaupt am Rande der Öffentlichkeit. Ein großer Teil passiert da ganz tief wiet unten im Hintergrund und wird durch spitzfindige Journalisten und „Verräter“ erst Jahre später aufgedeckt, wenn überhaupt.
Im Alltag ist es schon so, das Blogs mittlerweile ne starke Kontrollfunktion haben, dass aber bsp. Bildblog.de keine wirkliche Macht hat zeigt sich ja alleine darin, dass Bild weder ihre Berichterstattung umstellt noch das sie durch „Sanktionen“ des Presserats wirklich bestraft werden können…
Ich bin aber mal auf die Zukunft gespannt, wie sich das noch so entwickelt! Und als übersichtliche Informationsquelle sind sie in meinen Augen wirklich zu empfehlen, gerade für Leute, die sich nicht täglich mehrere Stunden mit recherchieren beschäftigen (können/wollen/…).
Aber Vorsicht ist da genauso geboten, wie bei jeder anderen Quelle;)

6

Ich lese derzeit viel Trends und Zukunftsprognosen, deswegen ist vielleicht die Mutmaßung der fünften Gewalt für den jetzigen Moment etwas abgehoben. Aber wenn dieses soziale und demokratische Web aus Amerika wirklich so zu uns überschwappt, werden wir in den nächsten Jahren in vielen Bereichen komplett umdenken müssen. Ich denke zum Beispiel an die Produktverkäufer, die wieder, wie vor 100 Jahren, in die aktive Kommunikation mit ihren Kunden treten müssen und nicht durch Werbemaßnahmen die Möglichkeit der Kaufentscheidung abnehmen wollen. Der Medienkonsum wird wahnsinnig individuell, dabei bleib ich aber bei der Aussage, dass sich auch hier die Qualität durch setzen wird. Also Anbieter wie Pro7 oder ARD werden auch in Zukunft diesen Markt bestimmen, wenn sie den nicht verschlafen.

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