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Alternative Erlösquellen für Zeitungsverlage

27. März, 2007 von Claudia Peter

Dem deutschen Zeitungsmarkt geht es seit der Krise im Jahr 2001 stetig schlechter. Beobachtet man die aktuellen Entwicklungen, so sieht man fusionierende Zeitschriften- und Zeitungsverlage, arbeitslose Redakteure und ein zusammenbrechendes Anzeigengeschäft. Branchendienste wie epd-medien sprechen von der größten Pressekrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Doch der Axel-Springer-Verlag versucht, mit einem neuen Online- Geschäftsmodell einen Ausweg aus der Krise zu finden und hat scheinbar gleich eine neue Marktlücke entdeckt.

Die traditionelle Finanzierungsstruktur der Zeitungsverlage mit einem Drittel Vertriebsumsatz und zwei Drittel Anzeigengeschäft gehört endgültig der Vergangenheit an. Auf Grund des Negativ-Trends bei der verkauften Auflage sowie durch die wachsende Konkurrenz alternativer Medien wie Radio und Internet sinken die Erlöse in den Rubriken- und Anzeigenmärkten drastisch.

Um schwarze Zahlen zu schreiben, sind die Verlage auf der Suche nach alternativen Erlösquellen. So wurde versucht, mit Cross-Selling-Maßnahmen, wie beispielsweise mit der SZ-Buch- und DVD-Reihe, den alten Leserstamm zu halten sowie neue Leser zu gewinnen. Selbst Formatänderungen vieler Tageszeitungen und die vereinfachte Anzeigenstruktur bringen nicht die erwarteten Gewinnsteigerungen, da viele Tageszeitungen nicht mit dem kostenlos abrufbaren Wissen im Internet konkurrieren können. Im Gegenteil – Teile des Anzeigengeschäfts wandern sogar ins Internet ab.

Obwohl oder gerade weil viele Zeitungen eine Online-Seite mit weiterführenden Angeboten der gedruckten Ausgabe anbieten, kann das Wachstumspotential, dass das Internet bietet, nicht genutzt werden. Somit sehen sich viele Zeitungsverlage einer Krise gegenüber.

Bild. T-Online macht den Anfang: „The AvaStar“ im Second Life

Coverbild der Online-Zeitung von Axel Springer
Online-Zeitung von Axel Springer

Der Axel Springer Verlag, Deutschlands größter Zeitungsverlag, etabliert ein vollkommen neues Geschäftsmodell. Seit Dezember 2006 ist Springer mit einem Online-Ableger der Bild-Zeitung in der virtuellen Plattform Second Life vertreten. „The AvaStar“ ist dort die erste, wöchentlich erscheinende Boulevardzeitung und kostet 150 Linden-Dollar, was realen 42 Cent entspricht. Diese Zeitung beschäftigt sich ausschließlich mit dem virtuellen Geschehen im Second Life.

Second Life ist eine dreidimensionale Online-Community mit mehr als 4 Millionen Nutzern weltweit, die sich mit einer virtuellen Zweitpersönlichkeit im Second Life tummeln. Als Online-Währung dient der Linden-Dollar, kurz L$, dessen Kurs an den US-Dollar gebunden ist. Es gibt kein unmittelbares Ziel. Jeder Nutzer kann sich seine eigene Rolle in dieser virtuellen Welt mit Hilfe einer dreidimensionalen Spielfigur, den so genannten Avataren, selbst gestalten und entsprechenden auch ihren Lebensstil bestimmen. Um dabei zu sein, genügt die Installation der Software auf den eigenen PC und eine kostenlose Online-Registrierung.

Innerhalb kürzester Zeit entwickelt sich die virtuelle 3D-Welt zum absoluten Medienstar mit einer eigenen, lebhaften Volkswirtschaft. Der Grund: fast täglich kündet ein anderes Unternehmen an, sich im Second Life zu präsentieren. Ist die Ankündigung ausgesprochen, dauert es wenige Minuten und die ganze Online-Welt ist informiert.

Niels Benson von Comaffairs, einer Strategieagentur für Markt- und Markeninnovationen, beobachtet die Entwicklung: „Second Life generiert im wahrsten Sinne des Wortes einen PR-Strudel. Alle möchten vom Hype profitieren.“ So sind auch die Investitionen enorm. Derzeit bringen Großfirmen Unmengen von Geld auf, um Bürokomplexe oder andere virtuelle Bauten zu errichten und somit in der neuen Plattform präsent zu sein.

Eine reale Zeitung für eine virtuelle Welt

Second Life ist gerade für Zeitungsverlage eine reizvolle Plattform, da dieses Marktsegment bis jetzt noch nicht vertreten ist. Somit ist der Springer-Verlag der erste Zeitungsverlag, der diese Marktlücke entdeckt und nutzt. Das Engagement hat einen experimentellen Charakter. „The AvaStar“ ist eine innovative Idee, um die Rahmenbedingungen einer virtuellen Welt und die Voraussetzungen sowie Auswirkungen für ein journalistisches Produkt zu begreifen. Mit diesem neuen Projekt gelingt die Verknüpfung eines Printproduktes in der realen Welt mit einem virtuellen Online-Angebot.

Dafür errichtete Springer ein Verlagsgebäude, gründete eine Redaktion und lässt echte Reporter über die wichtigsten Ereignisse im Second Life berichten. Fünf Mitarbeiter sitzen in Berlin und über 20 freie Mitarbeiter aus den USA, Australien, Belgien, Italien, England und anderen Ländern liefern zusätzlich Beiträge. „The AvaStar“ gibt Orientierung und bietet viele Serviceinformation für die User. News, Business, Celebrity & Gossip, Style & Fashion, Travel und Entertainment bilden den redaktionellen Rahmen.

Vertrieben wird „The AvaStar“ über stationäre Verkaufskästen und über Promotions-Teams in der Second Life-Welt.

Auch das Anzeigengeschäft floriert. So verkauft „The AvaStar“ 1/1 und 1/2 Seiten an virtuelle Kunden. Der Preis für eine 1/1 Anzeige liegt in Second Life bei 10.000 Lindendollar, also umgerechnet bei ca. 4.200 Euro.

Projektleiter Maurizio Barucca zeigt sich optimistisch in Hinblick auf den Erfolg vom „The AvaStar“: „Das Leser-Feedback auf die Zeitung ist sehr gut. Die Downloadzahlen liegen im fünfstelligen Bereich und wir haben zahlreiche neue Erkenntnisse im Bezug auf die Integration von Nutzern in ein journalistisches Produkt gewonnen. Insgesamt kann das Projekt positiv bewertet werden.“ Außerdem ist „The AvaStar“ bei den Lead Awards 2007 in der Kategorie „Webleader des Jahres“ ausgezeichnet wurden.

Der Zeitraum dieses Experiments ist für das Jahr 2007 festgelegt. Am Ende dieser Zeit wird in der Management-Ebene des Axel Springer Verlages entschieden, ob und in welcher Form dieses Projekt weiter geführt wird.

Jetzt bleibt nur abzuwarten, ob sich Geschäftsmodelle wie „The AvaStar“ in der Online-Welt etablieren und auf mittelfristige Sicht die Verlage somit reale Gewinne verzeichnen können.

Kategorie : Web 2.Q

Kommentare

1

Wie mich sowas aufregt!

Second Life hat NICHT vier Millionen Nutzer! Sondern vier Millionen Accounts.
Nutzer sind’s wohl 1/10 mal so viel.

So! 😉

2

…aber gott sei dank legen sich NUTZER die ACCOUNTS an mit dem guten willen, diesen ACCOUNT auch zu NUTZEN 😉

zumindest sollte man das hoffen und wie viele dann wirklich als NUTZER den ACCOUNT NUTZEN – tja, das wissen wohl nur die admins…

3

Dann träum mal schön weiter von den 4 Millionen Second Life Nutzern, den 150 Millionen MySpace Accounts, den 1,5 Millionen XING-Mitgliedern, den 100.000 Nachtagenten und den 6 Millionen deutschen ICQ Nummern.

Solche Leute wie du schreien „Hurra hurra“ und verpulvern (falls sie in der Werbung oder im Marketing sitzen) im Anschluss unsinniges Geld (in SL) für unsinnige Aktionen die zwar nette PR bringen aber null Ergebnis.

Unbestritten stimme ich dir jedoch zu, dass es die Entwicklung ist, die interessant ist und dass solche virtuellen Welten in Zukunft Potenzial für neue Erlösmodelle bieten.

Dennoch hättest du durchaus mal hinterfragen können, wie es tatsächlich mit den Nutzerzahlen aussieht und nicht stumpf irgendwelche Zahlen abschreiben. Du wirst dich im Rahmen deiner Arbeit doch sicherlich mal in SL eingeloggt haben – und dann sicherlich festgestellt haben, wie verweist es dort ist. Dass sogar der Second Life Gründer zugibt, dass es nur 1/10 der Accounts regelmäßig genutzt werden. (http://de.theinquirer.net/2007/03/25/secondlifegruender_gibt_schlap.html)
Du hättest schreiben können, dass der Avastar so gut wie keine Anzeigenkunden für seine 14.900 EUR teure 1/1 Seite 4c gewinnt. (http://www.bild.t-online.de/BTO/corporate-site/unternehmen/verweis-avastar,property=Download.pdf) Oder dass das Magazin verhältnismäßig teuer ist. Und dass die Kostennutzungsrechnung für Bild.T-Online beileibe nicht aufgeht.

🙂

So, jetzt bin ich wieder zahm.
Lieben Gruß aus Hamburch!

Christian

4

Schön, dass du dich damit so intensiv auseinander setzt und danke für die Hinweise…ach und ich glaube, ich habe auch erwähnt, dass die ganze Sache nen Experiment für Springer is? Ja und warte, mein letzter Satz war: Jetzt bleibt nur abzuwarten, ob sich Geschäftsmodelle wie „The AvaStar“ in der Online-Welt etablieren und auf mittelfristige Sicht die Verlage somit reale Gewinne verzeichnen können.

Ich habe das schon ins Verhältnis gesetzt – einfach mal TIEF luft holen und BITTE nicht persönlich werden…danke!
Ach und „nette PR“ is besser als nix und somit ein Ergebnis – aber das nur am Rand.

5

*tief Luft holen*

Bin ich persönlich geworden? Ahja, ein wenig. Mir geht halt nur dieses ständige „Ach wie schön ist Pana… Second Life“ auf den Sack. Es ist nicht alls Gold was in SternTV, Spiegel, Panorama, Focus, Bild, Süddeutsche, etc. etc. als glänzend verkauft wird 🙂

Du hast Recht. Wenn das Ziel „nur“ nette PR war, dann ist es gelungen. Aber da es sich bei dir um neue Erlösmodelle für (Zeitungs-)Verlage geht kann von dem Gesichtspunkt wohl davon ausgehen, dass der Avastar gefloppt ist. Aber vor dem Fazit hattest du anscheinend Angst und schreibst schwammig nach dem Motto: „we will see“.

Aber wenn es dir nur darum ging die Sachlage zu schildern ohne sie zu bewerten – dann, ja dann ist alles in Butter.

*ausatmen*

Lieben Gruß ausm hohen Norden,
Christian

6

…kurze Hintergrund-Info, um die sich legenden Wellen endgültig zu glätten: dies war ein Beleg; Aufgabenstellung: Artikel im Wirtschaftsteil einer Zeitung zum Thema Alternative Erlösquellen…

nein, dies sollte kein Kommentar werden, sondern eher informieren, was sich so in der nächsten Zeit im Internet alles tun kann (und ich denke, da is nun mal Second Life durchaus erwähnenswert) – also durchaus eine alternative Erlösquelle aufzeigen… und da passen deine Worte hervorragend:

nn

Unbestritten stimme ich dir jedoch zu, dass es die Entwicklung ist, die interessant ist und dass solche virtuellen Welten in Zukunft Potenzial für neue Erlösmodelle bieten.

nn

Trotzdem nochmals Danke für deine Hintergrundinfos und ich bin der Ansicht, dass dieser Artikel durchaus neutral gehalten zumindest auf einen neuen Weg hinweisst und somit auch der Aufgabenstellung in meinen Augen gerecht wird – ob es für die Zeitungsverlage auf lange Sicht das Gelbe vom Ei is – „we will see“

Beste Grüße aus Spanien!

7

Finde es grundlegend eine sehr spannende Diskussion (obwohl mir der harsche Ton von Christian etwas unpassend scheint)

Das Problem der wirklichen Validität dieser Nutzerzahlen haben viele Medien. Werden die Zeitungen wirklich gelesen, nachdem sie gekauft wurden? Ist der angeklickte Podcast wirklich angehört wurden und werden eben die Accounts bei Internetportalen auch genutzt?

Das Bedürfnis nach einer IVW ähnlichen Einrichtung für die neuen Medien ist aufjedenfall berechtigt und ich bin auch sehr auf Lösungen gespannt.

Liebe Grüße aus Mittweida (verdammt dahingehend habt ihr mich geschlagen beide 😉

8

Für das Podcastproblem (Downloads vs. Anhören) sind mir schon mal irgendwo Zahlen über den Weg gelaufen.

Und um valide Zahlen für Online Communities oder virtuelle Welten reicht meistens einfach nur ein Anruf beim Vermarkter oder Betreiber. Second Life kommuniziert ihre Nutzer sogar mehr als offen auf der Startseite:
Total Residents: 5,090,011
Logged In Last 30 Days: 1.067.855
Logged In Last 60 Days: 1.721.854
Online Now: 18.971

Zum Vergleich: 3.028.161 Spieler haben in den letzten 30 Tagen World of Warcraft gespielt (Zahlen NUR für EU, Quelle: http://www.warcraftrealms.com/eu_realmstats.php).
Und 16.091 Nutzer sind gerade bei gayromeo.com online. 😉

Lieben Gruß aus Stockholm!

Christian

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