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Moralischer Todes-Stern

19. Februar, 2007 von Oliver Noffke
Stern schreckt nicht vor Gewaltdarstellungen zurück
stern.de schreckt nicht vor
Gewaltdarstellungen zurück
Zeichnung: Oliver Noffke
Bearbeitung: Tino Kreßner

Eine zunehmende Verrohung von Jugendlichen beklagte das Magazin Stern in seiner Onlineausgabe: „Gangbangs? Analverkehr? Lesbensex? Aber reichlich: Immer häufiger sehen schon Kinder Hardcore-Pornos, …“. Weitere Artikel wurden veröffentlicht, die beklagten, das leicht zugängliche Pornografie, bei Jugendlichen bleibende Schäden herrufen kann. Andererseits verzichtet das Online-Magazin nicht auf explizit dargestellte Gewalt und Verstümmelungen. Nein zum Porno — aber Blut ist ok?

Aus einem klaffenden Schnitt, von einem Ohr zum anderen, quillt das Fleisch. Der Blick des jungen Mannes ist kalt. Das Online-Magazin stern.de zeigte am Freitag, den 16. Februar, ein Bild, auf dem Kevin Federline, der zukünftige Ex-Ehemann von Britney Spears, mit durchschnittener Kehle abgelichtet ist. Dabei handelt es sich natürlich um eine Montage. Federline lebt! Das Foto wurde von dem New Yorker Foto-Künstler Steven Klein gemacht, der auch schon David Beckham als Sexsymbol inszenierte. Das Foto an sich ist also unter Kunst zu verbuchen. Aber sollten so explizit dargestellte Verstümmelungen öffentlich im Internet zugänglich sein? Auf einem der größten deutschen Nachrichtenportale?

Das Bild selbst möchten wir aufgrund seiner expliziten Gewaltdarstellung nicht zeigen. Für besonders Mutige und als Diskussionsgrundlage haben wir es aber verlinkt:

Kevin Federline mit durschnittener Kehle, fotografiert von Steven Klein

Noch grotesker wird der Sachverhalt, wenn man den Kontext betrachtet, in dem das Bild veröffentlicht wurde. Das Bild gehört zu einem Fotobuch, dass als optische Untermauerung zu dem Artikel „Kleider auf den Rippen“ gedacht ist. Der Text behandelt die aktuelle Diskussion über „Mager-Models“ in der Modewelt. Das Fotobuch wurde süffisant mit „Gesichter der Stars – Gesichter der Mode“ überschrieben. Ob der als peinlich verschrieene Federline direkt als Star zu bezeichnen ist, sei mal dahin gestellt. Fest steht jedoch, das stern.de kein Problem damit hat, grausame Bilder zu veröffentlichen, die jedem Kind zugänglich sind, aber gleichzeitig eine große Kampagne gegen die Verharmlosung von Pornografie in der Gesellschaft führt.

Angefangen hat alles am 2. Februar 2007 mit dem Artikel „Pornos machen Kinder irre“. Es geht nicht um sexy Bildchen oder Playboy-Erotik, sondern um Hardcore-Sex. Medien mit pornografischem Inhalten sind demnach Kindern und Jugendlichen heutzutage viel zu leicht zugänglich und können bei ihnen schwerwiegende psychische Störungen auslösen. Erschreckend und realistisch wird beschrieben, wie schon 12-jährige Jugendliche harte Sexpraktiken ausüben. Vor allem Kinder mit schwierigen sozialen und familiären Hintergründen hätten immer häufiger überhaupt keinen Sinn mehr für Gefühle. Statt Liebe zu erfahren, kennen sie das ganze ABC der Sexstellungen. stern.de rief seine Leser dazu auf, sich zu dem Thema zu äußern und fragte die moderne deutsche Gesellschaft: „Sind wir zu liberal?“

Der Artikel war aber nur ein Appetithappen. Am 5. Februar erschien ein weitaus ausführlicherer und noch erschreckender Text auf stern.de und parallel dazu in der Printausgabe 06/2007. Am 13. Februar wurden gleich zwei weitere Artikel auf dem Onlineauftritt des Magazins veröffentlicht. Im ersten wurden die Reaktionen von erschütterten Lesern ausgewertet. Der zweite Artikel behandelte eine Aussage des Jungliberalen Christopher Vorwerk. Der Nachwuchspolitiker aus Niedersachsen forderte, dass Pornografie schon ab 16 freigegeben werden sollte. Einen Tag später dann der Höhepunkt. Im Online-Artikel „Beim Lesen wurde mir übel“, ein Zitat aus einem weiteren Leserbrief, verkündete das Magazin stolz: „Der stern-Bericht ‚Voll Porno‘ über sexuelle Verwahrlosung hat die Leser aufgerüttelt.“

Erschreckend ist aber die Doppelmoral, die im Hause Gruner + Jahr herrscht. Während die Gefahren der Pornografie für Jugendliche überaus drastisch geschildert wurden und man offensichtlich ein Thema traf, dass die Leser (nicht nur diejenigen mit Kindern) beschäftigt, ist es wohl in Ordnung, Bilder aus der Horrorabteilung offen zugänglich zu machen.

Kategorie : Sonstiges, unbeQuem

Kommentare

1

Ein wirklich gruseliges Foto. Unterliegen Bilder denn keiner FSK?

2

Auf Nachfragen von denQuer antwortete heute eine Mitarbeiterin von stern.de.
Das betreffende Bild wurde demnach in einem falschen Kontext veröffentlicht und das gesamte Fotobuch, aus dem Artikel entfernt.

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