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Medienkompetenz, Internetkompetenz, Social Media Kompetenz? – Kompetenzen in einer digital geprägten Kultur!

10. Februar, 2010 von Stefan Oßwald

image Der Begriff Medienkompetenz entwickelt sich langsam zu einem Buzzword und läuft Gefahr, demnächst auf Podiumsdiskussionen, Keynotes und Sessions nur noch ein Stöhnen beim Zuhörer hervorzurufen. Denn häufig ist (ich sag jetzt mal in unseren Social Media Kreisen) nur eine spezifische Form, quasi eine Unterabteilung, von Medienkompetenz gemeint.

Was Medienkompetenz im klassischen Sinne bedeutet habe ich gestern anhand von Baacke, Schorb und Aufenanger beschrieben – heute geht es hier um die Form von Medienkompetenz, die der Großteil der Netzweltler wohl eigentlich meint: Kompetenzen in einer digital geprägten Kultur. So heißt auch das Positionspapier der Expertenkommission des BMBF zur Medienbildung vom März 2009. Darauf aufmerksam gemacht hat mich Dr. Marco Dick in den Kommentaren und dem gibt es auch wenig hinzuzufügen – beim Lesen habe ich mich einfach zu oft beim Nicken erwischt und unterschreibe hiermit die herausgearbeiteten Kompetenzen.

Bereits in der Einführung wird die Motivation für diesen Bericht verdeutlicht:

Der Begriff der Medienkompetenz wird in der Öffentlichkeit inflationär und oft verkürzt verwendet. Als wissenschaftliche Disziplinen haben sich insbesondere Medienpädagogik und (Medien-)Informatik mit durchaus auch unterschiedlichen Konzepten zur Medienkompetenz geäußert. Mit der vorliegenden Erklärung „Kompetenzen in einer digital geprägten Kultur“ tritt die Expertenkommission für eine umfassende Sicht auf Medienbildung ein. Sie stellt sich damit der Herausforderung, unterschiedliche Richtungen und verschiedene Dimensionen im Hinblick auf die Digitalen Medien und deren Rolle in der Gesellschaft zu benennen. Die Kommission möchte damit zur Klärung und Umsetzung dieser grundlegenden Bildungsaufgaben beitragen.

Die Kompetenzen in einer digital geprägten Kultur gliedert die Expertenkommission in vier Themen- und Aufgabenfelder:

  1. 1. Information und Wissen
  2. 2. Kommunikation und Kooperation
  3. 3. Identitätssuche und Orientierung
  4. 4. Digitale Wirklichkeiten und produktives Handeln

Hier die wichtigsten Kompetenzen zu diesen Punkten, 1:1 übernommen aus dem Positionspapier:

1. Für das Themenfeld Information und Wissen gehören zur Medienbildung die folgenden Kompetenzen:

  • ▪ Informationsbedarf und Informationsbedürfnisse erkennen;
  • ▪ unterschiedliche Informationsquellen, die Globalität des Informationszugangs und spezifische Eigenschaften der Informationsmedien nutzen und sie bezüglich ihrer technischen (z.B. Suchalgorithmen), ökonomischen, kulturellen, gesellschaftliche Bedingungen (Herstellung und Verbreitung) beurteilen;
  • ▪ sich von einer Vielfalt von Informationsquellen anregen lassen, selektieren, aber auch zielgerichtet und situationsbezogen auswählen;
  • ▪ Informationsangebote mit ihren vielfältigen Codes und angesprochenen Sinnesmodalitäten nutzen, sie im Hinblick auf spezifische Kriterien (z.B. Wahrheitsgehalt, Glaubwürdigkeit, Urheberschaft, ethische Implikationen, Ästhetik, Interessengebundenheit, etc.) und den eigenen Verwendungskontext bewerten;
  • ▪ die Herstellung und Verbreitung von Informationen und deren Erschließung als interaktive Prozesse begreifen und sich adressatengerecht, situationsbezogen und verantwortlich beteiligen;
  • ▪ Wissensprozesse für sich selbst und für Gruppen organisieren und durchführen.

2. Bei Medienbildung im Themenfeld Kommunikation und Kooperation geht es um folgende Kompetenzen:

  • ▪ aus der Abstraktion und Fülle der Informationen im Netz eine Vorstellung über den sozial verantwortlichen Umgang mit anderen Menschen und deren Kommunikationsabsichten gewinnen, unterschiedliche Perspektiven aushandeln und respektieren;
  • ▪ Persönlichkeitsrechte und Rechte an Produkten beachten;
  • ▪ mit und voneinander lernen in und mit Digitalen Medien;
  • ▪ sich bei der Herstellung von Produkten und Dienstleistungen auf (virtuelle) Gemeinschaften stützen und sich an deren Entstehung, Erhalt und Verbreitung beteiligen;
  • ▪ informationsverarbeitende Prozesse für die Unterstützung sozialer Beziehungen und für die Erreichung kollektiver Ziele nutzen;
  • ▪ sich in den spezifischen und sich ändernden Verhältnissen zwischen dem privaten Bereich und einer (politischen) Öffentlichkeit bewusst entscheiden.

3. Medienbildung, die Identitätssuche und Orientierung unterstützt, drückt sich in folgenden Kompetenzen aus:

  • ▪ technologische Kompetenzen als selbstverständlichen Teil des Anwendens Digitaler Medien begreifen, die neue Möglichkeiten der Persönlichkeitsentwicklung öffnen, und mit Erfinderfreude und der Entfaltung von Kreativität verbunden sind;
  • ▪ Problemlösung durch experimentelles und spielerisches Vorgehen mit dem Erwerb von systematischen Zugängen verbinden;
  • ▪ alternative Identitätsentwürfe ausprobieren und solche Erfahrungen wirksam machen für die eigene Persönlichkeitsentwicklung, für die Entwicklung eigener Verhaltensspielräume in unterschiedlichen Kontexten, aber auch im Hinblick auf interkulturelle Verständigung und Chancengleichheit, auch für beide Geschlechter;
  • ▪ sich mit Rollenbildern in den Medien auseinandersetzen, die digitale Darstellung der eigenen Person angemessen und wirkungsvoll gestalten, dabei die Rechte einer informationellen Selbstbestimmung kennen und berücksichtigen;
  • ▪ sich der Tatsache und der Notwendigkeit des Lernens in informellen und selbstbestimmten Prozessen bewusst werden und sie mit formalen Bildungsprozessen in Verbindung setzen;
  • ▪ die Möglichkeiten der Artikulation mit Digitalen Medien in (politischen) Öffentlichkeiten kennen und nutzen sowie dafür Verantwortung tragen.

4. Medienbildung im Hinblick auf das Themenfeld Digitale Wirklichkeiten und herstellendes Handeln drückt sich in folgenden Kompetenzen aus:

  • ▪ sich auch komplexere IT-Anwendungen, virtuelle Welten und Simulationen (selbstständig) aneignen, sich darin bewegen, sie steuern, mit entwerfen, sich im handelnden, produktiven Umgang mit Medien technische, ästhetische, soziale und kommunikative Kompetenzen aneignen;
  • ▪ Vermittlungsprozesse zwischen virtueller und stofflicher Welt begreifen, (Medialitätsbewusstsein) und sich zu Nutze machen, in ihrer Entstehung als algorithmische Prozesse handelnd nachvollziehen, die Balance zwischen den Welten finden;
  • ▪ Schnittstellen zwischen IT-Entwicklung und Anwendung mit gestalten, eigene Ideen und „Erfindungen“ in informationstechnisch geprägte Umgestaltungsprozesse einbringen (Innovationsfähigkeit), sich dabei auf bereits Vorhandenes stützen und es neu zusammen setzen;
  • ▪ Chancen, Innovationskraft, aber auch Risiken und Verluste von Automatisierungsprozessen erkennen, die Rolle des arbeitenden Menschen begreifen und verstehen, wie automatisierte Prozesse mit den menschlichen Prozessen zusammen wirken;
  • ▪ herstellende und gestaltende Tätigkeiten beherrschen, unterschiedliche multimediale Ausdrucksformen, wort- und schriftsprachliche sowie visuelle und auditive Ausdrucks- und Kommunikationsformen verbinden, sich informationstechnische Werkzeuge für die Erweiterung kognitiver Leistungen zunutze machen.

Was mir besonders an den herausgearbeiteten Kompetenzen gefällt: sie sind nicht Tool- oder Kanalgebunden und es werden nicht wieder unterschiedliche Begrifflichkeiten durcheinandergeworfen (wie gerade nebenan in den Kommentaren).

Was jedoch am Ende wieder bleibt ist die Frage, wer diese Kompetenz nun vermittelt und auch dazu gibt es Ansätze in dem Bericht, den man sich hier als PDF herunterladen kann. Hier im Blog geht es jedoch erst in einem der nächsten Posts darum, wer denn überhaupt die Aufgabe der Kompetenzvermittlung hat.

Vielleicht gibt es ja auch von Eurer Seite noch Anmerkungen zu den herausgearbeiteten Kompetenzen? Fehlen welche oder sind sie gar überflüssig? Ich freue mich auf Eure Kommentare.

Kategorie : Medienkompetenz

Kommentare

1

Hallo Stefan,
vielen Dank für diese tolle Ausarbeitung. Wir haben ähnliche Ansätze entwickelt. Auch uns war es besonders wichtig, die Kompetenzen von den Tools zu trennen, um eine übergreifende Ordnung zu erreichen.
Das Thema Wissen ganz am Anfang ist nach meiner Erfahrung jedoch ein eigenes Univserum! Ich möchte festhalten, dass die Definitionen von Wissen je nach Anwendungsgebiet und Herkunft der Verfasser deutliche Unterschiede aufweisen. Dass muss beim Austausch und der Diskussion unbedingt beachtet werden!
Insgesamt stellt sich die Frage, wer und wo diese Kompetenzen aufbauen soll. Ist der Arbeitgeber verpflichtet? Entstehen nur Kosten oder auch Vorteile im Unternehmen? Gibt es Förderungen von den Arbeitsagenturen oder vom Staat?

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Sehr guter informativer Artikel, hat mir sehr gut gefallen. Danke dafür!

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Sehr informativer Artikel. Hilft mir sehr für die Vorbereitung zur Veranstaltung zu Ethik im Social Web

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