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Medienkompetenz? – Begriffsklärung!

9. Februar, 2010 von Stefan Oßwald

image Ich lese und höre es immer öfter: “Wir brauchen mehr Medienkompetenz”. Das Wort fliegt einem regelrecht um die Ohren aber das Problem ist, dass die Leute mit einem Begriff hantieren den sie meist gar nicht fassen können. In den meisten Fällen meinen sie eigentlich auch etwas anderes, ich nenne es jetzt mal Internetkompetenz bzw. Social-Media-Kompetenz.

Damit man sich im Speziellen aber der Definition von Internetkompetenz nähern kann (Thomas versucht es hier), sollte man sich jedoch vorher die Begriffsklärung von Medienkompetenz vor Augen führen – hier drei unterschiedliche Ansätze bekannter Medienpädagogen. Erst in meinem nächsten Blogpost werde ich mich dann der Internetkompetenz widmen – Anregungen sind in den Kommentaren jedoch jetzt schon recht herzlich willkommen.

Für die Definition von Medienkompetenz wird relativ häufig die Differenzierung in Ebenen und Dimensionen genutzt. Die gebildeten Abgrenzungen unterscheiden sich teilweise nur durch die Bezeichnung des Autors.

Der Begriff meint, je nach Autor, Fähigkeiten, die von der Fertigkeit ein Medium zu bedienen, bis hin zur aktiven Gestaltung und der kritischen Reflexion von Medien reichen.

Als Grundlage für alle Definitionsvorschläge ist die Anforderung an Medienkompetenz, „den Nutzer zu befähigen, die neuen Möglichkeiten der Informationsverarbeitung souverän handhaben zu können […] und […] sich in der computerisierten Medienwelt auch zurechtzufinden.“(Dieter Baacke) „Der Medienkompetenz-Begriff hat, […] normative Ziel-Implikatoren, d.h. es geht um Fertigkeiten und Fähigkeiten im Umgang mit Medien, die vom Individuum entwickelt und damit erreicht werden sollen“ (Norbert Groeben). Somit ist Medienkompetenz als Prozess zu verstehen.

Medienkompetenz nach Baacke

Medienkompetenz stellt für Dieter Baacke ein grundlegendes Qualifikationsfeld dar und beschränkt sich nicht nur auf die erzieherische Vermittlung von Informationen, sondern bezieht das Nachdenken über den Sinn von Kommunikation ein. Sein Verständnis von Medienkompetenz formuliert Baacke anhand der Dimensionen Vermittlung und Zielorientierung. Bei der Vermittlung bezieht er Medienkritik und Medienkunde ein, die Zielorientierung umfasst die Mediennutzung und Mediengestaltung.

Im Hinblick auf das Internet ist die Dimension der Medienkritik von besonderer Bedeutung. Aufgrund seiner schnellen Entwicklung und der großen, immer zunehmenden und ungefilterten Informationsflut sind mögliche Auswirkungen noch nicht ausreichend erforscht.

Als Medienkunde wird das Wissen über die heutigen Medien und Mediensysteme verstanden. Sie umfasst auch die Fähigkeit, die Neuen Medien zu bedienen.

Die Mediennutzung muss nach Baacke sowohl rezeptiv, anwendend, als auch interaktiv, anbietend, erlernt werden.

Der Bereich der Mediengestaltung soll sowohl kreativ als auch innovativ sein und das Mediensystem muss innerhalb seiner Logik weiterentwickelt werden. Die Gestaltung sollte sich dabei allerdings nicht nur der Routine hingeben, sondern Varianten schaffen und Ästhetik betonen.

Baacke schließt an die Offenheit von Projekten an, da sein Konzept weder didaktische oder methodische Hilfe noch inhaltliche Vorgaben geben will. Über Projekte besteht seiner Meinung nach die ausschließliche Möglichkeit, Medienkompetenz umzusetzen, da Inhalte hier gemeinsam erarbeitet, in der Gruppe beschlossen und anschließend umgesetzt werden. Den Teilnehmern wird ihre kommunikative Mündigkeit also nicht abgesprochen.

Medienkompetenz nach Schorb

„Auf der Basis der kommunikativen Kompetenz […] ist unter Medienkompetenz die Ausformung kommunikativer Kompetenz zur Beherrschung der Medienentwicklung zu fassen“. Bernd Schorb versteht dabei die kommunikative Kompetenz als Fähigkeit, symmetrische Kommunikationsprozesse mit gleichberechtigten Teilnehmern herzustellen. Er bestimmt für den Medienkompetenzbegriff vier Inhaltsbereiche:

1. Funktions-, Struktur- und Orientierungswissen

Für alle Bereiche, die von der Medientechnologie berührt werden, ist der Erwerb von Grundlagenwissen entscheidend. Hinzu kommt das Strukturwissen, um Informationen aufeinander zu beziehen und Orientierungswissen. Es ist das Ziel, die Fähigkeit zu besitzen, sich in Mediennetzen bewegen zu können, sie zu bewerten und sowohl Produktion und Produktionsinteressen als auch die Technik und Inhalte miteinander in Beziehung setzen zu können. Das Funktions-, Struktur- und Orientierungswissen fasst Schorb mit dem Begriff Medienwissen zusammen.

2. Kritische Reflexivität

Hier stimmt Schorb mit Baacke überein und verweist auf die Notwendigkeit, einen ethischen Standpunkt in die kritische Reflexivität zu integrieren. Als Grund dafür führt er die Entwicklung des Mediensystems an. Durch die zunehmende Kommerzialisierung werden die gesellschaftlich kontrollierten Massenmedien durch reine Tauschprozesse zwischen Individuum und Mediendistributoren abgelöst. Diese sind keinen ethischen Normen unterworfen. Eine Unüberschaubarkeit von Medieninhalten und fehlende geltende Regeln zu deren Kontrolle und Beeinflussung sowie eine individuelle Ethik der Medienmacher selbst, machen nach Schorb die ethisch-moralischen Kriterien der Medienkompetenz unverzichtbar. (Medienbewertung)

3. Fähigkeit und Fertigkeit des Handelns

Schorb versteht unter Handlungskompetenz nicht nur die Fertigkeit im Umgang und der Bedienung von Medien, sondern hebt die Fähigkeit des Handelns hervor. Neben instrumentellen Fertigkeiten bedeutet Medienhandeln die Fähigkeit, den Medieneinsatz sowie die Ziele und Zwecke von Medienentwicklung mitzugestalten.

Die Bedienung der Neuen Medien stellt nach Schorb immer geringere geistige Anforderungen. Aufgrund von „benutzerfreundlichen Oberflächen“ wird das Handeln auf den vom Anbieter vorgesehenen Nutzungszweck beschränkt und kein Einblick in die tatsächlichen Nutzungsmöglichkeiten ermöglicht. Im Sinne einer kommunikativen Kompetenz heißt Medienkompetenz aber, „Medien selbst zu dem Zweck zu nutzen, dem sie dienen sollen, der menschlichen Kommunikation, und sie in diesem Nutzungsprozess dem Ziel zuzuordnen, selbstständig im Austausch mit Anderen soziale Realität zu gestalten“. (Medienhandeln)

4. Soziale und kreative Interaktion

Der Sinn von Kommunikation ist die Gestaltung von menschlichen Beziehungen. Dies zu erkennen und dieses Wissen auf mediales Handeln anzuwenden heißt Medienkompetenz. Bei zwischenmenschlicher Kommunikation verändern sich die Beteiligten und deren Verhalten durch Aussagen und Antworten. Aufgrund ihrer Programmierung können interaktive Medien diese Qualität der Interaktion nicht aufweisen, da diese nur einen eingeschränkten Aktionsraum zulässt. Auch Kreativität und eine soziale Dimension sind der menschlichen Interaktion vorbehalten. Somit ist eine Kommunikation mit Medien nur eingeschränkt möglich, sie können aber zur Kommunikation mit Anderen genutzt werden. Dabei sollte aber beachtet werden, dass sie die persönliche Interaktion nicht ersetzen können.

Medienkompetenz nach Aufenanger

Medienpädagogische Projekte sollen nach Stefan Aufenanger eine ganzheitliche Ausbildung von Medienkompetenz anstreben und sich nicht nur mit einer bloßen Initiierung von Handeln und Erleben begnügen. Als wichtigsten Punkt bei der Erarbeitung eines Projektes führt er die Zielstellung an. Zur Zieldifferenzierung und zur Zielfindung hält Aufenanger folgende sechs Dimensionen von Medienkompetenz für hilfreich:

Die kognitive Dimension bezieht sich auf das Wissen über Medien sowie das Verstehen der in den Medien verwendeten Codierungen. Das Betrachten und Beurteilen von Medien unter ethischen Aspekten thematisiert die moralische Dimension. Unter sozialer Dimension versteht Aufenanger die Umsetzung der kognitiven und moralischen Dimension im Raum des sozialen und politischen Handelns. Hierbei sollte der Mensch befähigt werden, seine Rechte um Medien politisch zu vertreten und soziale Auswirkungen von Medien angemessen thematisieren zu können. Ein qualifizierter und kompetenter Umgang mit Medien wird unter der Handlungsdimension verstanden. Damit ist diese Dimension vergleichbar mit Baackes „Mediennutzung“. Die affektive Dimension stellt den Erlebnisaspekt der Mediennutzung heraus. Da Medien auch die Funktion des Unterhaltens und Genießen vermitteln sollen, sollte diese Dimension nicht vergessen werden. Bei der ästhetischen Dimension spielen die Wahrnehmungsaspekte eine große Rolle und beschreiben die spezifischen Fähigkeiten Medieninhalte zu gestalten.

Aufenanger verweist neben dem Medienkompetenzkonzept auf die Notwendigkeit einer medienpädagogischen Kompetenz. Diese soll neben der Medienkompetenz der Medienpädagogen unter anderem auch Didaktik und Wissen über die Medienwelten von Kindern und Jugendlichen umfassen.

Ein medienpädagogisches Projekt soll laut Aufenanger Transformation herbeiführen: Passivität soll in Aktivität, Handeln in Denken, Erleben in Erfahren und Information in Wissen gewandelt werden. Die durch die Dimensionen beschriebenen Aspekte werden damit angesprochen. Aufenanger betont wie auch Baacke den Reflexionsaspekt. Der Umgang mit Medien und das Sich-Ausdrücken über Medien werden ohne das Reflexieren über das Handeln medienpädagogischen Ansprüchen nur unzureichend gerecht.

Kategorie : Medienkompetenz

Kommentare

1

definitionen aus dem uni lehrbuch….wem hilft das jetzt?

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Sie soll denjenigen helfen die den Begriff verwenden, aber eigentlich nur eine vage Vorstellung davon haben, was sich dahinter verbirgt. Wie schon in der Einleitung geschrieben – die meisten meinen, wenn sie den Begriff in den Mund (oder ins Blog) nehmen, eigentlich nur ein Bruchteil der Medienkompetenz, nämlich die Bildschirmmedienkompetenz und noch spezieller die Internetkompetenz, noch spezieller die Social Media Kompetenz.
Und um denen zu zeigen, welche Dimension „Medienkompetenz“ hat, habe ich diesen Beitrag geschrieben und vielleicht hilft es ihnen.
Im nächsten Schritt soll dann natürlich die Definition von Internetkompetenz diskutiert werden und natürlich auch über die Vermittlung (wer, wie), aber lasst uns nicht immer das Pferd von hinten aufzäumen.

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Schon das Wort Medienpädagogen ist ein Gegrussel, der Beruf sorgt für Knotenbildung. Das Posting folgt in diesen Spuren und reflektiert die erschreckende Verkomplizierung des Themas.

Der alte wie der moderne Mensch sollte schlicht und ergreifend „kritisches Denken“ lernen. Oder wie der angelnde Sachse sagt „common sense“ …

Egal, ob ich in den Zeiten Augustus oder Schwesterwelles lebe – die Basics der Vernunft müssen sein. Ich sehe nicht ein, daß der Homo Digitalis eine Ausnahme bildet oder „besondere“ Fähigkeiten braucht?

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Hallo Dieter, ich finde nicht das die Versuche der Definition durch Baacke, Schorb und Co. das Thema verkomplizieren – im Gegenteil, sie schlüsseln es auf.
Ich bin komplett bei Dir wenn Du „kritisches Denken“ forderst. Aber das ist leider zu einfach und reicht bei weitem nicht aus. Kritisches Denken ist das eine, dementsprechend zu Handeln ist aber wiederum ein anderer Aspekt.
Der Homo Digitalis bildet auch keine Ausnahme, er bildet eine Weiterentwicklung – also muss sich auch seine Medienkompetenz weiterentwickeln.

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Hilfreich ist in diesem Zusammenhang eventuell der Bericht der Expertenkommission des BMBF zur Medienbildung. In einem aktuellen Positionspapier zum Thema wird ausgeführt:

… Der Begriff der Medienkompetenz wird in der Öffentlichkeit inflationär und oft verkürzt verwendet. Als wissenschaftliche Disziplinen haben sich insbesondere Medienpädagogik und (Medien-)Informatik mit durchaus auch unterschiedlichen Konzepten zur Medienkompetenz geäußert. Mit der vorliegenden Erklärung „Kompetenzen in einer digital geprägten Kultur“ tritt die Expertenkommission für eine umfassende Sicht auf Medienbildung ein. Sie stellt sich damit der Herausforderung, unterschiedliche Richtungen und verschiedene Dimensionen im Hinblick auf die Digitalen Medien und deren Rolle in der Gesellschaft zu benennen …

Das Positionspapier „Medienbildung für die Persönlichkeitsentwicklung, für die gesellschaftliche Teilhabe und für die Entwicklung von Ausbildungs- und Erwerbsfähigkeit“ kann kostenlos heruntergeladen werden: http://www.bmbf.de/pub/kompetenzen_in_digital_kultur.pdf

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Vielen Dank für den Hinweis darauf. „inflationär“ trifft es sehr gut.

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[…] Medienkompetenz im klassischen Sinne bedeutet habe ich gestern anhand von Baacke, Schorb und Aufenanger beschrieben – heute geht […]

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Jürgen Christ
8. März 2010 um 20:15

Leander Wattig zur derzeitigen „Trendfrage“:
http://leanderwattig.de/index.php/2010/02/25/medienkompetenz-und-das-internet/

PS: In Sachsen war es ca. 1993/94 sogar mal geplant, Medienkompetenz als Schulfach einzuführen. Dabei blieb es wohl. @orangeguru: Gab es mal eine Epoche in der Geschichte der Menschheit, in der „kritisches Denken“ wirklich für alle gelehrt wurde?

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Hi, hatte meine Meinung zum Thema Medienkompetenz und einige meiner Erfahrungen in meier Schulzeit, welche noch nicht lange her ist, auch in einem kurzem Blog-Post beschrieben…

-> http://suckup.de/blog/2010/11/24/medienkompetenz-nur-mit-freier-software/

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Daniel Kraschis
14. Oktober 2014 um 11:04

Wenn es dazu noch Literaturangaben geben würde, wäre das spitzenmäßig!
Ein Verweis auf einen Autor ist keine Literaturangabe.

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