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Der Fail JAKO – eine kleine Chronologie

4. September, 2009 von Stefan Oßwald

Es verging nicht eine Stunde in den letzten Tagen, in der man nicht über den Namen JAKO gestolpert ist. Grund war die Abmahnung des Sportbekleidungsherstellers gegen einen Blogger, dem, sagen wir es mal so, das Redesign des Logos nicht so gut gefallen hat.

Zeit die Ereignisse noch einmal Revue passieren zu lassen.

März 2009:

Anlässlich des 20jährigen Firmenjubiläums der JAKO AG bekommt das Unternehmen ein neues Logo.
jako-logo

15. April 2009:

Der Sportblogger “Trainer Baade” veröffentlicht einen Blogartikel in dem er sich mit diesem neuen Logo der JAKO AG beschäftigt – sein Urteil fällt dabei eher negativ aus:

JAKO logo - Google Blog-Suche_1251894916834
Weiterhin fällt in diesem Blogpost wohl auch das Wort “Scheiße”. Rund 400 Leute lesen diesen Beitrag, darunter auch eine Anwältin der Kanzlei “Horn und Kollegen”, welche die JAKO AG  vertritt. Und genau ab dann nimmt das “Unheil” seinen Lauf – “Trainer Baade” wird aufgrund der “unzulässigen Schmähkritik” abgemahnt.

1. September 2009:

Nun ist bereits einige Zeit ins Land gegangen – was in dieser aber in Bezug auf die Abmahnung JAKO vs. Baade passiert ist, beschreibt das Blog allesaussersport in seinem Posting : “Wie JAKO anderen Leuten das letzte Trikot auszieht”.

[…] Am Anfang stand ein Blogeintrag von Trainer Baade, Mitte April, einzelnd von 102 Lesern aufgerufen, inkl. Besucher der Homepage und von Feedabonnenten vielleicht von summasummarum 400 Besuchern gelesen. Die Eskalationsstufe 1 begann mit einer Abmahnung über 1.085 Euro im Mai. Nicht ganz vier Monate später ist die Angelegenheit inzwischen zu einer Vertragsstrafe von 5.100,- Euro hoch eskaliert, obwohl Trainer Baade den Blogeintrag zügig heruntergenommen hat und obwohl eine von Trainer Baade noch im Mai abgegebene Unterlassungs- und Verpflichtungserklärung von der Gegenseite akzeptiert wurde. […]
Weil dieser Blogeintrag der Marke JAKO so offensichtlichen Schaden zufügte, dauerte es nur knapp vier Wochen, bis Iris Sanguinette von der Kanzlei Horn & Kollegen eine Abmahnung an Trainer Baade schickte. Die Abmahnung richtete sich gegen vier Formulierungen aus dem Blogeintrag. Es gab mehrere Vergleiche der Marke JAKO und eine Bewertung des Logos, die als “unzulässige Schmähkritik” gegen das Wirtschaftsunternehmen(!) bewertet wurden. Ein weiterer Vergleich wurde als unwahre Tatsachenbehauptung eingeschätzt, die JAKOs wirtschaftlichen Interessen gefährdet. Der Gegenstandswert der Auseinandersetzung wurde auf 25.000,- Euro veranschlagt. […]

Nach diesem Blogpost bricht ein Sturm der empörten Blogosphäre über die JAKO AG herein:

82 Blogbeiträge werden an diesem Tag zu diesem Thema verfasst
497 unterschiedliche Twitter-User schreiben insgesamt 849 Tweets mit dem Hashtag #jako und erreichen damit 73.180 unique Followers (via)
Auch in den Fanforen des Fußballvereins Eintracht Frankfurt, der von JAKO ausgestattet wird, ist die Empörung groß.

Weiterhin wird der Wikipedia Artikel zu JAKO um einen kleinen Zusatz ergänzt:
jako-wikipedia

Auch ein YouTube-Video wird ins Netz gestellt: “JAKO kommt mir nicht ins Haus

Eine Stellungnahme der JAKO AG gibt es nicht.

2. September 2009:

Mittlerweile zieht der Fall JAKO immer weitere Kreise. Auch SpOn und Heise berichten über die Abmahnung und legen ab 14 Uhr durch den zustande kommenden Traffic die Website der JAKO AG lahm:
Seiten-Ladefehler_1251894367703

Ein Spaßvogel legt auch einen Twitteraccount (@jako_de) im Erscheinungsbild der JAKO AG an – die Tweets parodieren die nicht vorhandene Kompetenz im Umgang mit Social Media:
Gefaketer Jako-Twitteraccount

Weitere Bilanz des Tages:

64 Blogbeiträge werden an diesem Tag zum Thema JAKO verfasst
851 Tweets mit dem Hashtag #jako werden versendet

Eine Stellungnahme seitens der JAKO AG gibt es immer noch nicht, laut dem Handelsblatt gibt es jedoch Gespräche zwischen JAKO und Baade.

3. September 2009:

Das Shirt zum #fail Mittlerweile kennt fast jeder, der aktiv im Internet unterwegs ist und sich mit Social Media beschäftigt, den Fall JAKO. Ich glaube auch, dass viele fleißig Screenshots gesammelt haben, um den Case zu dokumentieren und evtl. in späteren Vorträgen o.Ä. zu präsentieren – ist ja auch ein Paradebeispiel wie man nicht mit Bloggern umgehen sollte.
Trotzdem wird es an diesem Tag “etwas” ruhiger:

53 Blogbeiträge werden veröffentlicht
617 Tweets beinhalten den Hashtag #jako

18 Uhr dann die offizielle Meldung von JAKO. In einer Pressemitteilung gesteht das Unternehmen ein: “Wir haben überreagiert”.

„Wir haben uns rein rechtlich überhaupt nichts vorzuwerfen“, betont Rudi Sprügel, „aber rückblickend betrachtet, wäre es viel besser gewesen, wir hätten mit Herrn Baade persönlich Kontakt aufgenommen und die Sache mit ihm direkt geklärt.“ Sprügel bedauert, dass sich die „Auseinandersetzung unnötigerweise so aufgeschaukelt hat“. Es sei unglücklich gewesen, nicht sofort auf die Anfragen von Bloggern und Journalisten zu reagieren: „Wir haben ja schließlich nichts zu verbergen.“

Ende gut, alles gut?

Gesamtbilanz 01. – 03. September 2009:

– über 200, zum Großteil negative Blogeintäge (laut Google Blogsearch)
– negative Artikel auf den großen Newsseiten wie SpOn, Heise, Handelsblatt oder der SZ
– 2317 Tweets durch 1043 unterschiedliche Accounts (thx @codeispoetry)
– 6 der 10 ersten Treffer bei Google verweisen auf den #fail
Wie sich Negativ-PR auf die Suchergebnisse bei Google auswirkt

UPDATE:

Cision Deutschland hat die Nennung von Baade und JAKO in Social Media ermittelt:
Jako1_small (via)

Kategorie : Blogs, CSM, Social Media DE

Kommentare

1

Wow – sehr akribisch und mit einigen Informationen, die ich so bisher noch nicht kannte. Danke für die Mühe!!

2

jako wird sich vor allem über die 6 aus 10 in den google top10 freuen. das TUT WEH!

3

Sehr gute Chronologie! Gratuliere. Schau doch mal bei http://www.rolandbinz.com/krisenblog vorbei!

4

hab ich was übersehen oder fehlt da noch:
SZ: Geballte Blogpower
http://www.sueddeutsche.de/computer/835/486253/text/

5

@Max: Danke für den Hinweis, hab den Link mit aufgenommen.

6

[…] Wer die ganze Diskussion oder Teile davon verpasst haben sollte, findet hier eine schöne Chronologie zum Fail JAKO. […]

7

[…] Wer die ganze Diskussion oder Teile davon verpasst haben sollte, findet hier eine schöne Chronologie zum Fail JAKO. […]

8

[…] Fall JAKO ist natürlich schon fast alles gesagt. Eine wunderbare Chronologie der Ereignisse hat Stefan Oßwald zusammengetragen, das Handelsblatt nennt den größten Fehler JAKOs und der […]

9

[…] Der Fail JAKO – eine kleine Chronologie Veröffentlicht: September 7, 2009 Gespeichert unter: Blog Tags: Bloggen Schreiben Sie einen Kommentar Name: erforderlich […]

10

[…] Was folgte, waren Unterlassungs- und Verpflichtungserklärungen, Streitwerte, Anwaltsschreiben und ein sichtlich eingeschüchterter Blogger, der brav unterschrieb. Erst als man ihn auch noch dafür verantwortlich machen wollte, dass dieser Text auch auf anderen Webseiten (Aggregatoren) veröffentlicht wurde, ging er an die Öffentlichkeit. Blogger und Online-Nachrichtenportale brachten die Geschichte, JAKO meldete sich erst mit Verspätung und entschuldigte sich schließlich. […]

11

[…] JAKO in die Juristenfalle tappte und sich damit in der Öffentlichkeit eine derart blutige Nase holte, dass man fast schon wieder Mitleid mit den Leuten dort bekommen könnte. Zum Thema JAKO […]

12

Hey Stefan, super Beitrag. Nächster Webmontag in Salzburg (05.10.) wird zum Thema Online Reputation Management sein. Hättest du Lust den Fall zu präsentieren?

13

Erstklassige Zusammenfassung! Als das Twittern begann, dachte ich, es ginge um Michael Jacksons Nase 😉 ..

Aus SEO Sicht sind solche Klagen immer rentabel. Man droht mit einer unmenschlichen Geldstrafe und bekommt ein oder zwei Wochenlang gut 200 frische Backlinks auf die Seite aus total themenrelevantem Content (Sport, Jako, Sportartikel, unsportlich..).

Dann zieht man die Klage zurück, entschuldigt sich öffentlich, macht vielleicht was tolles (spendet 200,- an Wikipedia und 100 an WordPress) und bekommt nochmal 80 frische Backlinks. Eventuell sogar von großen dicken Seiten wie Bild, SPON und Stern.

Davon profitiert die Firma und der angeklagte Blogger. Im kleinen profitieren auch Leute davon, die als erste oder wie Du, am besten darüber berichten. Feine Sache, so eine Abmahnung 😉

SEOux

14

[…] manchmal greift man halt richtig ins Klo, ob mit böser Absicht oder auch nur aus Unwissenheit. Im Fall Jako wird es dann zum PR-Gau, zuzüglich einer kostenlosen Schulung in Sachen Netzdynamik, Social Media […]

16

Danke für die Aufarbeitung. Ein Lehrbeispiel über den Umgang mit Bloggern.
T4all

17

[…] Der Sportbekleidungshersteller Jako AG hat sich in der Blogosphäre in sehr kurzer Zeit sehr unbeliebt gemacht, indem er auf abfällige Kommentare des Sport-Bloggers Trainer Baade über das neue Logo der Firma per Anwalt und Abmahnung reagiert – um nicht zu sagen überreagiert – hat. Der PR-Gau wurde nicht nur auf Sites wie allesaussersport.de und heise.de diskutiert, sondern zog Kreise bis hin zu SZ und Handelsblatt. Eine anschauliche Chronologie dieses eskalierenden PR-2.0-Fehltritts präsentiert Stefan Oßwald von der PR-Agentur Talkabout auf seinem privaten Blog DenQuer. […]

18

[…] Ich freue mich, dass Stefan Osswald über den Fail JAKO berichten wird, denn er hat eine super Zusammenfassung gebloggt und kennt sich sehr gut damit aus. Ich habe auch noch ein Beispiel im Petto wie man […]

19

[…] von Konzernen vorgedrungen sein. Zuletzt hat der Fall Jako (siehe dazu die Chronologie im Blog von Stefan Osswald und die Darstellung in einem meiner Vorträge auf Slideshare) eindrucksvoll gezeigt, wie schnell […]

20

Sehr nett zusammengefasst. Ich dachte allerdings auch, als ich JAKO gelesen habe, es handelt sich um den King of Pop!
Schon interessant wie sich das ganze entwickelt hat. Aber ein bisschen Meinungsfreiheit sollte doch noch erlaubt sein..

21

[…] Als Beispiele für den Social Media-Dschungel werden international gern “United breaks Guitars” und Kryptonite angeführt; in Deutschland sind das Jamba und noch aktuell der Fall Jako. […]

22

[…] • SMO • Social Media Kommentieren Nach dem Marketing Desaster der Firma JAKO (siehe Chronologie) droht nun auch der bisher sehr angesehenen Marke “Jack Wolfskin” das gleiche […]

23

[…] Als Beispiele für den Social Media-Dschungel werden international gern “United breaks Guitars” und Kryptonite angeführt; in Deutschland sind das Jamba und noch aktuell der Fall Jako. […]

24

[…] nicht heiß” – aber ob das eine so gute Idee ist? – siehe z.B. die Fälle Jako und Wolfskin […]

25

[…] gibt aber durchaus auch Aktionen, die ich nicht unbedingt verurteilen kann, wie z.B. der Fall Jako. Wie viele im Netz mitbekommen haben, hat der Sportartikelhersteller sich letztes Jahr etwas […]

26

[…] (z.B. also nicht in einem Fall „Jack Wolfskin“, weil es da um Urheberrecht ging, auch nicht im Fall „Jako“, weil der Betroffene nicht gegen eine Abmahnung oder Einstweilige Verfügung Widerspruch […]

27

Super Summary!
Naja, aus SEO Sicht sind solche Klagen in der Tat rentabel. Aber ob es das wert ist, lass ich mal dahingestellt sein…
Gruß Silke

28

[…] vertreten zu sein, kann sich inzwischen fast kein Unternehemen aus dem B2C Bereich mehr leisten. Negativbeispiele gibt es ausreichend dafür. Hier ist ein interessanter Trend zu beobachten, denn anstatt sich im Vorfeld als Unternehmen zu […]

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Post Zeitschriften
22. Juni 2010 um 15:09

Der Fall zeigt uns, was für eine Macht Web 2.0 und Social Media mittlerweile haben – Blogs, Twitter, You Tube usw. Allerdings bezweifle ich, dass man so was von vorne rein als SEO Maßnahme / Linkbaiting planen kann. Die Geschehnisse waren so und JAKO hat das einfach gut „behandelt“ und die Nutzen daraus gezogen. Ist doch genial? Well done der Marketingleiter 😉

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Dis ist nicht nur ein Beispiel dafür, welche Macht Web 2.0 und Social Media haben sondern zeigt auch was für ein Umgang in vielen modernen Unternehmen heutzutage anzutreffen ist.
Vorbei die Zeiten des hanseatischen Kaufmanns der das persönliche Gespräch sucht, zurückhaltend und weitsichtig handelt!
Das rechtliche Vorgehen gegen Baade ist ja nur eine Facette des Gesamtbildes. In ähnlicher Manier wird auch mit den Angestellten, Lieferanten und Mitbewerbern umgegangen.
Aber wirklich etwas daraus lernen wird wohl niemand, dafür ist der Druck heute einfach zu gross. 🙁

31
Prämienabo Vergleich
19. Juli 2010 um 12:27

Bin auch schon ne Weile online unterwegs und muss sagen,
sowas zeigt mal wieder, dass das Web 2.0 bei all seinen Vorteilen
auch ziemlich unberechenbar ist. Gerade in der aktuellen Zeit hört
man überall die Schlagwörter facebook, twitter, youtube und co – da muss man dabei sein. Aber kann man solche Kanäle auch wirklich steuern? Ich behaupte nein! Clever sein hilft aber immer weiter, wie dieses Beispiel zeigt, insofern Kompliment an das Marketing-Vorgehen.

32

Dieser Beitrag gefällt mir wirklich sehr.Ich habe schon lange danach gesucht.Vielen Dank dafür.

Gruß Notebookfreake

33

Dieser beitrag gefällt mir sehr .

34

[…] klassische Beispiele für die Macht der vernetzten digitalen Welt sind Jako und Jack Wolfskin. Eine gute Übersicht weiterer Beispiele findet sich bei den Kollegen vom Social […]

35

[…] Bis September 2009 gab es über 200, zumeist negative Blogbeiträge über Jako, negative Berichterstattung auf bedeutenden Newsseiten wie etwa Spiegel Online, Heise, Handelsblatt, Süddeutsche Zeitung, etc., 2317 Tweets durch 1043 unterschiedliche Accounts auf Twitter usw. (siehe hier.) […]

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