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„Von Podcasts allein kann man nicht leben“

3. Februar, 2007 von Stefan Oßwald

Alex WunschelDigitaler Tsunami, Podcasts und mediensouveräne Konsumenten
Der erste Podcast erblickte vor weniger als drei Jahren am 18. August 2004 – damals noch unter der Bezeichnung Audioblogging – das Licht der Welt. In der Zwischenzeit hat das junge Medienformat Podcast zunehmend die Aufmerksamkeit der Werbe- und Medienindustrie auf sich gezogen. Aus diesem Grund hat der Medienvermarkter Goldbach Media Experten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zum 1. österreichischen Podcast-Tag nach Wien eingeladen. Wie sich Podcasts bis heute entwickelt haben, welche Geschäftsmodelle es gibt und wie die Zukunft aussieht, stand heute im obersten Stockwerk des Wiener Media Tower im Mittelpunkt. Am Rande der Veranstaltung sprach der Münchener Alex Wunschel, Medienberater und Podcast-Experte, im pressetext-Interview über Chancen und Herausforderungen dieses vielseitigen Mediums.

pressetext: Wer macht Podcasts und wer nutzt sie?
Wunschel: Es gibt hier zwei unterschiedliche Zielgruppen. Der Großteil der Podcasts wird derzeit von Privatpersonen gemacht, wobei sich das Bild ändert. Unternehmen, Verlage und Printmedien fangen an, eigene Podcast-Formate zu entwickeln. Gerade Printmedien verlängern ihre Nutzerschaft, indem sie Audio-Inhalte produzieren.

pressetext: Welchen Vorteil haben Podcasts im Gegensatz zu anderen Medienformaten?

Wunschel: Sie kennzeichnen und verkörpern ein wachsendes Phänomen. Teile der Medienkonsumenten werden mediensouverän, das heißt, sie verkörpern zeit- und ortsunabhängiges Konsumverhalten. Podcasts sind einerseits eine technische Neuheit, andererseits bieten sie neue, vielfältige Inhalte. In Deutschland gibt es rund 3.800 Podcasts. Weltweit existieren 85.000 Podcasts die alle unterschiedliche Themen und Foki haben. Das ist als ob auf einmal 85.000 neue Radiosender zur Verfügung stehen. Wir haben in unserer Podcast-Umfrage festgestellt, dass sich die Mediennutzung bei Podcast-Nutzern stark verändert hat. Sie geht zu Lasten von Radio und Fernsehen, deren Nutzung um jeweils 46 und 33 Prozent zurückgegangen ist. Einigermassen stabil bleibt das Lesen, das als eines der wenigen Medien den digitalen Tsunami bislang relativ unbeschadet überlebt hat.

pressetext: Für Alexander Oswald, Marketing-Chef bei Nokia Österreich und der Schweiz, sind Podcasts allerdings nicht unbedingt zeit- und ortsunabhängig. Wie sehen Sie das?

Wunschel: Er definiert das anders. Für ihn ist ein Podcast erst zeit- und ortsunabhängig, wenn man interagieren kann. Das ist die Perspektive der Mobilfunker. Jetzt im Moment hat er recht, weil ich die Podcasts zuerst zu Hause am Rechner herunterladen muss, bevor ich sie unterwegs hören kann. Die Nutzung allerdings ist zeit- und ortsunabhängig. Die Möglichkeit Podcasts auf Handys zu laden, bieten einige Mobilfunkhersteller an. Man kann sich eine Software installieren, mit der Podcasts am Handy genutzt werden können. Das ist das dann natürlich das i-Tüpfelchen, wenn man sich den Inhalt unterwegs on Demand auf das Handy herunterladen kann, anstatt zu Hause zuerst den Rechner hochfahren zu müssen.

pressetext: Unterhaltung, Information, Weiterbildung – Welche Inhalte werden am häufigsten genutzt?

Wunschel: Wenn man die Nutzer fragt, welche Inhalte am interessantesten sind, dann ist die Antwort natürlich Unterhaltung und Information. Aber diejenigen, die Podcasts länger nutzen, lassen erkennen, dass das Thema Weiterbildung wichtiger wird. Bei den zwei von uns durchgeführten Podcast-Umfragen haben wir eine Steigerung feststellen können. Innerhalb eines dreiviertel Jahres ist die Nutzung von Weiterbildungsinhalten von 29 Prozent Ende 2005 auf 46 Prozent gestiegen. Man sieht, dass die Nutzer auch Wert darauf legen die Zeit, die sie mit Podcasts verbringen, sinnvoll zu nutzen.

pressetext: Derzeit sind Podcasts in der Regel gratis und auch selten mit Werbung versetzt. Kann man denn mit Podcasts Geld verdienen?
Wunschel: Dadurch, dass die Reichweite bei der Mehrheit der Podcasts fehlt, muss davon ausgegangen werden, dass es auch nicht wirklich zum Leben reicht. Reichweitenstarke Podcasts haben aber durchaus das Potenzial Geld einzubringen, etwa durch Werbung, Sponsoring oder Product Placement.

pressetext: Wie viel kostet die Produktion eines Podcasts?
Wunschel: Die Erstellung eines Podcasts kostet eigentlich nur ein Mikrofon. Man kann mit jedem Mikrofon einen Podcast erstellen. Für die Produktion eines vernünftigen Podcast werden zwischen 200 und 500 Euro an Equipment benötigt. Der Betrieb kostet etwa zehn Euro im Monat.

pressetext: Aus heutiger Sicht, sind Sie der Meinung, dass Podcasts gratis und werbefrei bleiben oder werden die Nutzer in Zukunft für Podcast-Inhalte bezahlen müssen?
Wunschel: Ich glaube, dass bezahlte Inhalte in der Minderheit bleiben werden, weil sie im Moment den Hörbuchmarkt angreifen. Podcasts sind der größte Angstgegner von Hörbüchern, und hier gerade die Podcasts, die Inhalte vermitteln. Man sieht aber, dass die Konsumenten bereit sind für Podcasts zu bezahlen – unsere Podcast-Umfrage ergab, dass 30 Prozent bereit wären dafür zu bezahlen. Aber die Abrechnungssysteme sind noch nicht so weit, dass man das derzeit durchsetzen kann. Ich glaube auch, dass der Großteil zunächst wie beim Internet kostenfrei bleibt und sich dann eventuell über Werbung finanziert. Wobei auch die Werbefinanzierung nur einen Teilbereich betreffen wird.

pressetext: Vielen Dank für das Gespräch.

Quelle: pressetext

Kategorie : Sonstiges, SQnstiges

Kommentare

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