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Träumer in der Realität

13. Dezember, 2006 von Tino Krener

Nachtgeschichte ist ein Kurzspielfilm über zwei gebrochene Herzen, die ihre wahre Liebe scheinbar in den eigenen Träumen finden. Beide wissen nicht voneinander, dass es den Anderen wirklich gibt. Im Dezember 2005 drehten 30 Medienstudenten der Hochschule Mittweida (FH) über fünf Tage an diesem Projekt. Premiere war in der Filmbühne Mittweida vor 180 Gästen (ausverkauft). Wir haben das Team und die Schauspieler interviewt und sie zu ihren Aufgaben, Intentionen und eigenen Träumen befragt.

Im Interview sind:
Oliver Noffke (Drehbuchautor & Darsteller Noah)
Alexander Schulz (Regie)
Tino Kreßner (Produktion)
Christian Abel (Schnitt)
Jördis Dörner (Darstellerin Anne)
Johannes Ehrhardt (Darsteller Pete)
und
Linda Kierstan (Darstellerin Paula)

Wie ist das Projekt zustande gekommen und was hat euch persönlich motiviert mitzumachen?

Oliver: Das Drehbuch zu diesem Film war eigentlich eine Trotzreaktion. Nachdem ich mehrere Kurzfilme gesehen habe, ist mir aufgefallen, dass viele Kurzfilmmacher sehr harte Themen wie Tod, Gewalt oder Depressionen wählen oder ihre Themen besonders krass oder unsentimental umsetzen. Ich weiß eigentlich gar nicht, warum das so ist. Vielleicht wollen viele dadurch einfach herausstechen, indem sie weitergehen als andere. Ich denke aber, dass man Kurzfilme nicht nur laut und
schockierend erzählen kann. Als ich dann anfing, mir Gedanken für eine geeignete Geschichte zu suchen, fiel mir die Idee zu diesem Kurzfilm einfach zu. Manchmal spinnt man sich ja Tagträume zusammen, in denen man sich fragt: „Was wäre wenn…?“

Tino: Ich glaube jeder, der mal „The Majestic“ gesehen hat, weiß die Magie von Filmen zu schätzen. Mir war es wichtig, dass Alex, Christian und Oliver die Möglichkeit hatten diese Magie in den Kurzfilm zu stecken und sich nicht mit der Bürokratie und Organisation außeinandersetzen mussten. Zur Erleichterung für die Realisation haben wir in der Planungsphase zusammen einen Verein gegründet, der nun mit einem wundervollen ersten Projekt in die Öffentlichkeit gehen darf.

Alexander: Gerade weil die „Romantik-Ecke“, in der man den Film sicher einordnen kann, eigentlich nicht mein bevorzugtes Genre ist, sah ich die Inszenierung als Herausforderung an. Schließlich ist es viel schwerer, Dialoge und Gefühle in Bilder zu fassen, als Geschehen, die von sich aus visuell schon viel hergeben (wie es zum Beispiel bei einem Actionfilm der Fall ist).

Jördis: Da ich bisher immer nur mit Schauspielern zusammen gearbeitet habe und noch nie selbst vor der Kamera stand, wollte ich für mich persönlich die „andere Seite“ kennenlernen, um die Bedürfnisse eines Schauspielers besser verstehen zu können. Und das war eine sehr eindrucksvolle Erfahrung für mich.

Was ist eurer Meinung nach, die Intention des Films?

Christian: Dass unsere Träume wahr werden können, aber nicht müssen! Vielleicht weisen sie uns auch nur den richtigen Weg.

Oliver: Zu keiner Zeit sollte man aufhören zu träumen und immer seine Ziele im Blick haben.

Alex: Die Intention ist meiner Meinung nach, dass das Leben nicht in irgendwelchen Träumen stattfindet, sondern in der Wirklichkeit gelebt werden sollte. Dabei kommt zwar oft alles anders als erwartet, aber gerade das macht doch den Reiz aus. Wenn immer alles glatt liefe, wäre es doch langweilig. Ich denke, Anne und besonders Noah haben das am Ende des Films begriffen, akzeptiert und als Vorteil erkannt.

Beschreibt eure jeweiligen Rollen!

Johannes: Ich spiele Pete, einen jungen sportlichen Mann. Er spielt gern Teamsportarten und ist auch im Leben ein echter Teamplayer. Ohne Freunde, wäre er sicher nicht vollständig. Mit den Frauen kennt er sich aus, glaubt er. Arroganz ist ihm fremd, aber selbstbewusst geht er seinen Weg und sorgt sich um die, die er mag.

Linda: Paula ist ein selbstbewusstes, aber vor allem verrücktes Mädchen.

Oliver: Ich spiele den Noah, einen der beiden Träumer. Noah ist eigentlich schon ein seltsamer Vogel. Er verschließt sich gegenüber anderen Menschen, fühlt sich vom Leben enttäuscht, hat aber nicht die Kraft, an diesem Zustand etwas zu ändern. Um so schöner aber auch merkwürdiger ist es, als er anfängt, sich seinen Ängsten zu stellen – schließlich weiß er nicht, ob es die Frau aus seinen Träumen tatsächlich gibt.

Jördis: Anne ist eine unscheinbare Büroangestellte, die sich jede Nacht im Traum immer weiter in einen Mann verliebt, den sie gar nicht kennt. Sie glaubt ganz fest an diese Beziehung. Doch als ihre beste Freundin sie für verrückt hält, beschließt sie, ihr Leben zu ändern.

Könnt ihr euch noch eine Situation erinnern, die schwer zu spielen war? Oder gab es besonders komische, ernste oder dramatische Szenen während des Drehs?

Linda: Ja, in der letzten Szene vor dem Black & White. Bei -10 Grad und Regen ist es besonders schwer mit dem Zittern aufzuhören!!!

Jördis: Ich sage nur: „Ich bin nicht verrückt“ und das gesamte Drehteam wird sich an meine endlosen Versuche, die richtige Betonung für das Wörtchen „verrückt“ zu finden, erinnern. Das ging so lange, dass sich alles in mir umdrehte und ich schließlich glaubte, doch verrückt zu sein.

Christian: Es gab eine sehr dramatische Szene mit Oliver Noffke, als er das erste mal in der Wirklichkeit Anne aus seinen Träumen sieht. Beim Dreh dieser Einstellung gab es für mich eine Art Filmmagie und ich konnte einfach nicht Cut rufen.

Alex: Der ganze Dreh schien eine einzige dramatische Szene zu sein. Wir hatten den Zeitplan etwas zu eng gesteckt, was zu einer Menge Stress und einigen Nachdrehs führte, zudem wollte die Technik nie so wie wir. Dazu kam noch, dass ich den zweiten und den dritten Drehtag aufgrund einer Erkältung keine Stimme hatte. Obwohl ich als Regisseur eigentlich am meisten reden müsste, war das aufgrund der Unterstützung meines exzellenten Teams (und das kann man gar nicht oft genug betonen) aber nicht das erwartete Problem. Ich hatte fast das Gefühl, jetzt, wo ich nicht mehr reden konnte, wurden meine aufgeschriebenen und geflüsterten Anweisungen noch genauer befolgt. (lacht)

Was denkt ihr: Glauben die Charaktere, die ihr verkörpert, an Liebe auf den ersten Blick?

Oliver: Noah glaubt sicher nicht an Liebe auf den ersten Blick, dafür läuft er viel zu verschlossen durch die Welt. Wenn man sich auf den ersten Blick verlieben will, muss man sich schon kräftig umschauen und sollte auch keine Selbstzweifel haben.

Jördis: Für Anne existiert die Liebe auf den ersten Blick auf jeden Fall. Ist es nicht die romantischste Vorstellung der Liebe überhaupt? Der Traumprinz auf seinem Schimmel, die leidenschaftlichen Blicke, der feurige Kuss und gemeinsame Ritt auf dem Pferd in den Sonnenaufgang, ins Glück.

Johannes: Pete ist da ziemlich realistisch eingestellt. Er wird sicher nicht an Liebe auf den ersten Blick glauben. Aber weniger, weil er sich darüber endlos Gedanken gemacht hat, oder zwischen Liebe und Verlieben zu unterscheiden vermag, sondern weil er einfach die Erfahrung gemacht hat, dass es nicht gleich auf Anhieb für immer sein kann. Ihm ist auch nicht wichtig, dass es echte Liebe ist oder gar für immer klappt. Er will Spaß und gute Laune. Das meint er nicht oberflächlich sondern grund ehrlich. Er will niemandem etwas Böses. Er will nur keine verkorksten Beziehungskisten und ewigen Diskussionen. Er ist ein ‚einfacher Mann‘ wie Heinz Rudolf Kunze gesagt hätte.

Welche Vorstellung haben die vier, eurer Meinung nach, von einer Beziehung?

Christian: Prinzipiell denke ich, haben alle vier die gleiche Vorstellung einer Beziehung, doch Paula und Pete sind mutiger und nicht so schüchtern, um überhaupt eine Beziehung zu starten.

Jördis: Anne möchte gern einen bodenständigen, treuen und lieben Freund, auf den sie sich absolut verlassen kann und mit dem sie alle Zeit der Welt teilt. Aber ehrlich gesagt, wäre sie sicher nicht abgeneigt, wenn einer der Sunnyboys aus der Marketingabteilung sie irgendwann zum Abendessen einladen würde …

Linda: Paula möchte vor allem Spaß haben und denkt noch nicht an eine feste längere Beziehung.

Alex: Wenn ich mir die vier handelnden Personen im Film so ansehe, hab ich fast das Gefühl, einen Film über vier Beziehungskaputte gemacht zu haben. Im Ernst: Ich weiß nicht, ob es so was wie eine richtige Vorstellung von einer Beziehung gibt, aber wenn ja, hat sie auf alle Fälle keiner im Film. Noah trauert seiner Ex nach, verschließt sich gegenüber Neuem und sucht sein Glück in Träumen. Anne genauso, wenn auch ohne Ex. Dadurch ergänzen sie sich aber perfekt mit ihren jeweils besten Freunden Pete und Paula, die im Gegensatz zu ihnen den Leitsatz „Carpe Diem“ etwas zu genau nehmen und ohne Rücksicht auf Verluste in den Tag hinein leben.

Welchen Traum verfolgt ihr persönlich?

Alex: Geld, Ruhm und Ehre! Nein, natürlich habe ich meine Ziele und Träume etwas niedriger gesteckt, es würde mir schon reichen, ein erfolgreicher Kinofilm Regisseur zu werden. Und falls das nicht klappt, halt ich mir eine Karriere im Printbereich als Kritiker offen, denn wenn ich schon selber keine Filme drehen kann, will ich wenigstens die der anderen kritisieren.

Christian: Irgendwann bei ProSieben die Werbetrailer für die kommenden Film-Blockbuster zu schneiden.

Oliver: Ich habe sicher nicht mehr oder weniger Träume, als jeder andere auch. Welche das genau sind, behalte ich für mich. Allerdings kommt es weniger darauf an, welche Träume man hat, sondern darauf, dass man den Willen und den Mut hat, sie zu realisieren.

Jördis: Ich träume davon, irgendwann eine niedliche Pension in einem kleinen Städtchen zu haben, interessante Gäste aus aller Welt zu empfangen und nebenher Kinderbücher zu schreiben.

Johannes: Ich habe viele Träume. Manchmal auch feuchte oder Alpträume. Aber meistens sehr wünschenswerte. Ich träumte, alle zerstörten Frauen hätten eine Mutter, wie ich sie habe. Ich träumte, Gerechtigkeit wäre weniger abstrakt. Ich träumte, man würde mich lieben. Ich träumte, ich wäre Thema, würde in Frage gestellt und hier und da erkannt. Ich träumte, ich wäre wichtig, für die, die mir wichtig ist.

„Nachtgeschichte“ spielt u. a. in einem Wasserbecken, das überall mit Blüten übersät ist …

Alex: Es ist wohl der perfekte Ort für Noah und Anne. Hier können sie vor der Realität fliehen und gleichzeitig ihre verborgenen Sehnsüchte ausleben. Die Blumen sind ein Element dieses Ortes und eines der Bindeglieder zwischen Traum und Wirklichkeit. Inszenatorisch gesehen ist beides natürlich ein Stilmittel, um den Zuschauer die Gedanken und Gefühle der Protagonisten näher zu bringen.

Was konntet ihr während des Drehs lernen?

Johannes: Ich bin ein Hobbykommunikationsforscher. Mich interessieren vor allem Menschen und ihr Umgang miteinander und ihren eigenen Fähigkeiten und Wesenszüge. Ein Filmdreh bietet da allerhand Input. Zum einen die Geschichte, die man spielt und ihre Schöpfer. Zum anderen aber auch die Abläufe am Set. Eine sozial und psychologisch höchst interessante Angelegenheit, die ich in einem sehr positiven Sinne genossen habe.

Was hat dich an der Rolle gereizt?

Jördis: Anne träumt sehr viel und malt sich ihr Leben im Kopf aus. Das ist spannend. Im echten Leben tue ich das auch manchmal vor dem Einschlafen.

Johannes: Ohne ein Klischee darzustellen, ist Pete doch ein ganz anderer Mensch als ich. Und allein deshalb, muss er doch mal nachgefühlt werden, nicht?! (lacht)

Das Interview führte Bianca Bruhm

Der Film ist online auf YouTube oder im im Shop bestellbar.
Weitere Informationen gibt es auf der Homepage oder direkt auf denQuer

Kategorie : PrQjekte, Sonstiges

Kommentare

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Bin eben auf diese seite gekommen und habe mir den Beitrag (Träumer in der Realität) zu den Kurzfilm durchgelesen. Klingt wirklich sehr schön,…da man sich diesen Kurzfilm bei You Tube ansehen kann…werde ich das mal wohl tun…mal schauen ob der Film so schön wie die dazugehörige Geschichte ist;O).

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