Mai
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Sonne tanken mit dem Prof in der Tasche

25. Mai, 2007 von Sren Schaller

Der Sommer steht vor der Tür, die Sonne brutzelt auf das Unidach und die ersten Schweißtropfen perlen den Studenten in schlecht belüfteten Vorlesungssälen auf die beschmierten College Blöcke. Lieber würde man jetzt draußen im Park liegen, gemütlich ein Eis essen und entspannt eine Vorlesung verfolgen. Schade, aber der Dozent kommt dort garantiert nicht mit.

Der portable Professor

Solch traurige Vorstellungen haben vielleicht bald ein Ende. Und genau das haben sich drei Studenten aus Hamburg gedacht. Zusammen begannen sie ein Projekt auf die Beine zu stellen, was in Zukunft das Lernen an Universitäten und Hochschulen verändern kann. „ProfCast“ ist das Zauberwort. Wie der Name schon andeutet, handelt es sich hierbei um einen Ableger der Podcast-Technologie, der individuell Vorlesungen von Professoren beinhalten wird.

Nikolaus Thomale studiert Jura an der BLS Hamburg. Er ist einer der Gründer des „ProfCast“. Für ihn geht damit ein langersehnter Wunsch in Erfüllung. Schluss mit „Schnarchnasen Rhetorik“ und überfüllten Hörsälen. Anstatt „Coffee to go“ gibt es jetzt Dozenten aufs Ohr. Das Entwicklerteam selbst sieht die Idee als Mittel zum Zweck: „Es ist kein neuer Vorschlag, auch in Bildungseinrichtungen zukünftig verstärkt auf die mittlerweile vorhandenen technischen Möglichkeiten zu setzen, die in anderen Bereichen längst erfolgreich genutzt werden.“

Das Prinzip des Bildungspodcasts funktioniert theoretisch ganz einfach – der Professor hält seine Vorlesung, die zeitgleich mitgeschnitten wird. Anschließend kann die Präsentation mit Zusatzmaterialien auf www.profcast.de mittels Synchronisationstool hochgeladen und für Studenten bereitgestellt werden, die entweder die Vorlesung verpasst haben, sich diese erneut anhören wollen oder die ihren eigenen Professor durch einen Anderen „ersetzen“ wollen. In der Praxis wird es hingegen komplizierter. Zunächst muss von jedem „ProfCast“-Dozenten eine schriftliche Genehmigung zur Aufzeichnung des gesprochenen Wortes eingeholt werden. Bei Missachtung droht eine mehrjährige Haftstrafe nach §201 des Strafgesetzbuches. Für den Jurastudenten Thomale ist daher klar, dass eine gründliche Prüfung auf Zustimmung stattfinden muss, gegebenenfalls auch auf mögliche Copyrights der Inhalte.

Weiterhin muss es Mitarbeiter geben, die Dozenten dazu bewegen, ihre Inhalte im Internet zu veröffentlichen. Diese so genannten „ProfCast-Botschafter“ sind Boten für eine bildungsreiche Alternative zu den engen Hörsälen. Ob engagierter Student, wissenschaftlicher Mitarbeiter oder Dozent selbst, die Etablierungen eines dezentralen Systems ist notwendig, um das Podcast-Portal erfolgreich mit Inhalten zu füllen. Aus den entstehenden Werbeeinahmen eines Podcasts werden dem freien Mitarbeiter ein Drittel zugesichert. Weitere Einnahmen werden an beteiligte Fachschaften der Universitäten und Hochschulen vergeben und in den Ausbau des Portals investiert. Im Anschluss können die Vorlesungen und Dozenten evaluiert werden. Diskussionen und Austausch untereinander setzen auch einen Rahmen für ein soziales Netzwerk.

Räumlich und zeitliche Unabhängigkeit, sowie die kostengünstige Möglichkeit an Lehrinhalte heranzukommen, sind Stichworte für ein mögliches Erfolgsrezept. Die Frage, ob Studenten irgendwann gar nicht mehr in den Vorlesungssaal gehen, bleibt jedoch offen. Es ist jedem selbst überlassen, ob er die Angebote nutzen will. Selbstkontrolle und Regulierung lassen Spielraum zwischen elektronischen und realen Leben. Das bedeutet nicht, dass man das Studium von zu Hause betreibt, aber bietet ferner die Möglichkeit, flexibel neben dem Studium auch praktische Erfahrungen zu sammeln, die sich leider viel zu häufig mit Vorlesungen überschneiden.

Doch wie denken Professoren selbst über diesen Service? Wir haben dazu Prof. Horst Müller, von der Hochschule Mittweida (FH), befragt:

Bezogen auf die Fächer, die ich „vorlese“ (Journalistische Grundlagen, Medienlehre und Personalmanagement), wäre eine Vermittlung per Podcast für mich schwer vorstellbar und sogar ein Rückschritt in die falsche Richtung. Ein monotoner Vortrag beispielsweise über das Thema „Recherche“ ohne anschauliche Beispiele, ohne Zwischenfragen der Teilnehmer und ohne spontane Reaktionen darauf, ist vermutlich nicht nur stinklangweilig, sondern würde auch kaum etwas für die Zuhörer bringen.

Die Gründer sind zuversichtlich: „Auch wir sind der Auffassung, dass sich zur Verbesserung des Bildungsangebotes für Studenten insbesondere der Einsatz neuer Medien und Technologien anbietet.“ Ein Schritt auf dem Weg zu einem deutschlandweiten Bildungsportal. Ein Schritt zur selbsternannten „Deutschlanduniversität“.

Bis Ende 2007 soll der technische Rahmen fertiggestellt sein. Auf dem „ProfCast“ Blog findet man absofort Neuigkeiten zu dem Projekt. Wir wünschen an dieser Stelle den jungen Medientalenten viel Erfolg.

Link: http://www.profcast.de

Kategorie : PrQjekte, Web 2.Q

Kommentare

1

Also ich finde das ist ne echt interessante Geschichte.Allerdings bin da auch wirklich noch ziemlich skeptisch, in wie weit sich das in nächster Zeit schon durchsetzen kann.
Auch lange Sicht gesehen ist es sicherlich ne Alternative, die sich etabliert allerdings vermute ich aus eigener Erfahrung, dass viele Professoren davon nicht so begeistert sein werden wie die Studenten und auch die Nachteile, die Prof. Müller anspricht sind nicht gänzlich von der Hand zu weisen.

Ich frage nich aber auch, ob durch ProfCasts die Qualität des Studiums tatsächlich verbessert wird und es den Studenten abgesehen von der lokalen Unabhängigkeit tatsächlich Vorteile bringt.

Auch kann ich mir eins nicht vorstellen:
Das eine schlechte Vorlesung eines Professors durch einen ProfCast besser wird, wie sollte sie auch.
Und auch eine Evaluierung und Diskussion (ähnlich meinprof.de) bringt an staatliche Unis und Hochschulen leider nichts. Da einmal berufene Professoren, Dozenten selten entlassen werden, wenn sie keine „Qualität liefern“…und was mit den Evaluierungen des Landes passiert, weiß ja nicht mal die Ministerin selber. Zumindest ist das in Sachsen leider so…

2

Ich denke, Prof. Müller hat da irgendwas missverstanden! Er soll ja glaube ich nicht in zukunft vor einem leeren Hörsaal oder in einem Tonstudio sitzen – sondern ganz normal seine Vorlesungen halten. Insofern kann er immernoch auf Zwischenfragen seiner Studenten reagieren und Anschauliche Beispiele „bringen“. Nur, dass diese Beispiel nicht nur seine Studenten sondern auch die anderer Unis hören können. Und das nicht nur einmal sondern sooft sie wollen.
Ich finde das eigentlich ziemlich genial!

3

Die Idee an sich find ich auch klasse. Nur, warum sollte ein Professor da mitmachen? Also was für ein Mehrwert hat es für ihn? Ich glaube nicht, dass man so bedacht darauf ist, sich deutschlandweit mit anderen vergleichen zu lassen. Ebenso ist ja auch jeder Fehler von ihm und jede Falschinformation, immer und zu jederzeit abrufbar.

Für Studenten ist die Sache klar. Und wenn man diese Möglichkeiten der Deutschlanduniversität vorschreiben könnte, wäre das auch ne super Sache.

Enhanced Podcast bedeutet, dass man Urheber-geschütztes Material des Professors veröffentlicht. Sehe nicht seinen Anreiz, warum er sein erarbeitetes Material einfach so kostenlos durchs Internet schwirren lassen soll.

Also wenn die Profs damit Geld verdienen könnten, würde es meiner Ansicht nach funktionieren … aber meist verdienen die nun nicht sooo schlecht und unsicher, dass diese anfänglich sicher sehr kleinen Einnahmen ausreichend wären.

4

Zunächst erstmal vielen, vielen dank an Sören von denQuer für diesen Beitrag über ProfCast!

Wir können im Moment nicht genug von euren kritischen Fragen und konstruktiven Anregungen bekommen – den ProfCast befindet sich noch in der Entwicklung, es gibt viel zu lernen und viel zu tun!

Ich möchte dennoch auf einige statements eingehen:

*Dozenten
Es ist richtig, was Tonic sagt (s.o.): kein Dozent muss Angst haben, vor einem lehren Hörsaal zu sitzen! Auch seine Vorlesung muss er nicht unbedingt anders halten. Zwischenfragen und anschauliche ppt.Präsentationen bspw. lassen sich dank der heutigen technischen Möglichkeiten wunderbar in podcasts (und damit ProfCasts) integrieren.

Warm ein Dozent das machen sollte?
Der finanzielle Aspekt soll ein Anreiz sein. Aber für einen guten Dozenten kann es sicherlich auch interessant sein, mit einem guten „Ranking“ bei ProfCast seinen Ruf als hervorragender Dozent zu untermauern.
Wir wollen ja nicht alle – sondern einige, gute 🙂

*Urheberrecht
wir werden natürlich das Einverständnis der Dozenten einholen, ihre Materialien bzw. überhaupt erstmal die Aufzeichnung veröffentlichen zu dürfen.
Warum sollten sie das machen?
Siehe oben!

Warum gehen wir davon aus, dass sie es machen werden? Sucht doch mal im Internet nach Skripten – selbst die gibt es zu Hauf zum download. Für alle! Nicht nur im passwortgeschützten Bereich für die eigenen Studenten.

*schlechte vorlesungen durch profcast besser?
nein, das natürlich nicht.
aber dafür nur die besten bei ProfCast!
es sagt ja keiner, dass dein eigener schlechter (live) dozent A durch ProfCast besser wird. Aber du hast die möglichkeit einen anderen Dozenten B, der live und aufgezeichnet besser ist als A bei ProfCast herunterzuladen.

Wir freuen uns auf weitere Nachfragen

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[…] Junge Menschen mit Mediennachwuchsprojekten, wie z.B. dem kürzlich vorgestellten ProfCast-Projekt, könnte so der Start ins erfolgreiche Berufsleben eventuell erleichtert […]

6

Leider verspäteter Kommentar des BWL Dozenten Prof. Dr. Volker Tolkmitt der HS Mittweida:

„ich unterstütze die idee in der Form nicht. Grundsätzlich finde ich
E-Learning als Ergänzung sehr gut und habe auch schon eine Veranstaltung
ausschließlich für diesen Zweck aufzeichnen lassen. Meine regulären
Vorlesungen würde ich dazu jedoch nicht freigeben. Von an einer Hochschule
immatrikulierten Studenten muss die Teilnahme an den Lehrveranstaltungen
erwartet werden. In anderen Ländern muss sogar dafür bezahlt werden. Wer
die Prioritäten anders setzt, muss sich dann ausschließlich über das
Literaturstudium bzw. Konsultationen informieren oder die Konsequenzen
tragen. Für andere Lern- bzw. Studierformen gibt es spezielle
Studiengänge. Zudem wäre ein elektronisches Angebot aus meiner Sicht eine
eindeutige zusätzliche Dienstleistung, die dann mit Studiengebühren
bezahlt werden müßte.“

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